Joachim Zelter: How are you, Mister Angst?

Sind Universitätsprofessoren noch zeitgemäß?

Joachim Zelter beschreibt unsere Gesellschaft anhand des Unialltags

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von Torsten Ehlers

Es ist nicht einfach in unserem heutigen Medienalltag zu bestehen. Früher gab es Zeitungen. Dann kamen Radio und Fernsehen dazu. Nun haben wir das Internet mit all seinen sozialen Netzwerken und Medien. Jeder darf sich eine Meinung bilden und diese dann kundtun. Vor allem in der Bildung nimmt dies doch angsteinflößende Ausmaße an. Bewerte deinen Lehrer! Bewerte deine Lieblingsfächer! Wie fandest du die Vorlesung deines Unidozenten? Lust Sie zu bewerten? Dies soll keineswegs Kritik daran sein, dass man manche Methoden, die ein Lehrer anwendet, nicht kritisieren sollte. Aber sehen wir dahinter den Menschen oder ist es uns eigentlich egal, was mit dem, den wir kritisieren passiert? Ja und was könnte eigentlich mit diesem Menschen, den wir bewerten passieren? Davon erzählt Joachim Zelters Roman How are you, Mister Angst?

Er geht darauf ein, was mit dem Universitätsprofessor Konrad Monteiro passiert, auf dem der Leistungsdruck lastet und der von ihm ein mordmäßiges Pensum verlangt, dass er in der Menschenmühle Universität nicht mehr leisten kann. Seine Vorlesungen werden öffentlich in sämtlichen Unimedien als altbacken und langweilig beschrieben. Auf seinem Schreibtisch in seiner Wohnung stapeln sich die zu kontrollierenden Hausarbeiten und dann soll er auch noch publizieren. Dies sind die Anforderungen an ihn, doch all diese Aufgaben benötigen Zeit. Zeit, die dem Professor einfach nicht mehr gegeben wird. Darüber hinaus ist er einfach nicht mehr zeitgemäß. Der technische Fortschritt ist an ihm vorbeigezogen.

Gesellschaftskritik par excellence

Konrad Monteiro wird nicht nur Opfer des Systems, in dem er arbeitet. Vielmehr scheitert er an dem Karussell der Medien, die die Welt immer schneller drehen lassen. Eigentlich sollte er doch hippe Themen haben wie zum Beispiel die Struktur eines SMS-Romans, Briefe sind erst recht so was von out. Wer will denn noch an einem Briefroman oder ähnlichem arbeiten und dessen Struktur analysieren? Um in dieser Medienwelt Schritt halten zu können, müsste Monteiro nicht nur medienaffiner sein, sondern seinen ganzen Habitus ändern. Viele seiner Kollegen setzen in ihren Vorlesungen bereits Videoclips von YouTube oder auch Kommentare aus den sozialen Netzwerken ein. Nur Konrad Monteiro ist mittlerweile in einem Alter, in dem er dem Neuen nicht nur skeptisch gegenübersteht, sondern es einfach auch von der Fülle her nicht mehr bewältigen kann. Er müsste sich bei all seinem Arbeitspensum auch noch mit den neuen Dingen beschäftigen, die die Gesellschaft da für ihn bereit hält. Da Konrad Monteiro dies aber nicht kann, brennt er nicht nur aus, sondern fällt in unserer auf Leistung und Tempo getrimmten Gesellschaft einfach hinten herunter. Doch bevor ihm dieses Schicksal droht, bekommt er die Chance in einer Fernsehshow aufzutreten und sich dort wieder zu profilieren. In seiner Vorstellung sieht er sich schon, wie er geistreiche Kommentare abgibt und die Zuschauer den belesenen und klugen Menschen in ihm sehen, der er ist und für den er sich auch hält. Allerdings läuft diese Sendung anders und Monteiro durchschaut nicht, dass diese Sendung dazu dient ihn vorzuführen.  Das Thema der Sendung ist eigentlich Existenzen zu zeigen, die sich scheinbar überholt haben und nicht mehr zeitgemäß sind.

Joachim Zelter legte 2008 einen Roman vor, der eine sehr melancholische Atmosphäre bereithält. Gelesen werden kann er mit seiner Medienkritik heute noch immer wie im Jahr 2008. Was wir nicht bemerken ist, dass die Welt sich nun noch viel schneller dreht als in jenem Jahr und wenn wir uns nicht festhalten, fallen wir von diesem Karussell herunter, wie Konrad Monteiro. Eigentlich ein recht kritischer Ansatz. Doch hat man beim Lesen das Gefühl, dass ständig jemand hinter einem steht, der die Moralkeule schwingt und genau dies ist der Punkt, der den Lesegenuss, trotz aller relevanten Kritik, etwas eintrübt. Die offensichtliche Nähe zu Kafka und Kierkegaard, die der Protagonist an den Tag legt und die es im Roman zu entdecken gibt, können leider auch nicht über die Moralkeule hinwegtäuschen und so bleibt dies ein Roman, der vom Konzept her wunderbar erdacht ist, aber der kaum Leidenschaft beim Lesen entfachen kann.

Joachim Zelter: How are you, Mister Angst? Ein Universitätsroman. Klöpfer & Meyer. Tübingen 2008. 182 Seiten. 10,00 €.

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