Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Traurig schön

Benedict Wells malt mit Worten ein Bild der Einsamkeit

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von Torsten Ehlers

Eigentlich beeinflussen uns Klappentexte sehr stark in unserer Entscheidung, ob wir ein Buch lesen wollen oder nicht. Gefällt einem zunächst die optische Gestaltung, nimmt man meist auch die Bürde auf sich und liest den Klappentext. Im Fall von Benedict Wells neuen Roman Vom Ende der Einsamkeit kann es aber passieren, dass man einen wundervollen Roman verpasst.

Die Story ist simpel. Jules Moreau, so der Name des Protagonisten, ist bis zum Tod seiner Eltern ein ganz normaler Halbstarker. Er hat Freunde und ist nie wirklich alleine. Doch mit dem Unfalltod seiner Eltern ändert sich dies. Er hat seine Geschwister und deren Freunde als Menschen um sich herum, andere bis auf seine große Liebe Alva, lässt er nicht an sich heran und so entspinnt sich ein Roman, bei dem man während des Lesens geneigt ist, die ganze Zeit auf eine große Katastrophe zu warten und beginnt die Einsamkeit von Menschen inmitten von Menschen zu erahnen.

Liebenswerte und selbstzerstörerische Figuren

Jules, einiges an ihm erinnert gerade am Anfang des Romans sehr an Holden Caulfield, zieht sich während des ganzen Romans mehr und mehr in sich zurück. Er nimmt nicht mehr wirklich am Leben teil. Zusammen mit seiner Schulfreundin Alva, die ebenfalls einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen musste, klammert er sich an die Vergangenheit. Sie leben quasi in ihr und sie lassen sich durch die Geister der Vergangenheit beherrschen. Bei Jules passiert dies unter anderem dadurch, dass er die alten Schallplatten seiner Eltern hört und darin aufgeht. Alva stürzt sich in diverse Liebschaften und versucht so den Schmerz ihrer Vergangenheit zu verdrängen. Eine weitere Figur, die eine derart selbstzerstörerische Ader an den Tag legt, ist Jules‘ Schwester. Durch den Tod der Eltern ist sie dermaßen entwurzelt, dass sie sich nicht nur in Liebesabenteuer stürzt, sondern auch alle möglichen Drogen exzessiv konsumiert. Es hat den Anschein, dass sie nicht in der Lage ist, das plötzliche Vakuum, das durch den Tod der Eltern entstanden ist, aufzufangen. Sie setzt sich dermaßen unter Druck, dass sie nicht erkennt, dass dies gar nicht nötig wäre. Und so steuern diese drei Figuren, die sich stellvertretend für viele andere in diesem Roman lesen lassen, auf die unmittelbare bevorstehende Katastrophe zu. Oder gibt es doch noch einen Ausweg und eine Zukunft für sie? Ist die Liebe vielleicht die Antwort, durch die die Katastrophe abzuwenden ist?

Traurig schöne Liebesgeschichte

Erst sehr spät bemerken Jules und Alva, dass sie vielleicht mehr sein könnten als Freunde. Irgendetwas scheint da noch zu sein. Jules realisiert es als erster und versucht sich in immer eindeutigeren Andeutungen. Doch Alva ist zu sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, um auf die Liebesbekundungen von Jules einzugehen und so stößt sie ihn auf die verletzendste Art und Weise von sich. Jules ist daraufhin so verletzt, dass er Jahre braucht, um darüber hinwegzukommen. So trifft er hin und wieder Alva auf seinem Weg, aber lässt ihre Avancen und Versuche etwas zu kitten, das eigentlich nicht mehr zu kitten ist, unbeachtet. Erst viele Jahre später sucht er wieder den Kontakt zu ihr. Doch hat die Zeit alle Wunden geheilt und kann es eine wahre Liebesgeschichte werden? Gibt es vielleicht doch ein Happy End für die Beiden? Die Option besteht durchaus, denn Jules bekommt die Möglichkeit mit Alva und ihrem Ehemann, dem in die Jahre gekommenen Schriftsteller Romanow, zusammen in einer abgelegenen Gegend zusammen zu wohnen. In dieser Zeit merken sowohl Alva als auch Jules, dass zwischen ihnen immer noch etwas ist, das durchaus Liebe zu sein scheint. Doch zunächst geben sie dem nicht nach. Vielmehr bekommt Jules die Gelegenheit, sich seinem Leben zu widmen. Von Romanow dazu ermutigt, es doch mit dem Schreiben zu probieren, fängt er an, seine Kurzgeschichten, die er in seiner Jugend geschrieben hat zu überarbeiten. Dann nimmt sich Jules vor, einen Roman zu schreiben. Während des Schreibprozesses beginnt für ihn dann auch eine Art Selbstheilung. Fast hat es den Anschein, dass Jules die Arbeit an diesem Roman braucht, um seine Existenz zu rechtfertigen. Aber vielleicht ist es auch ganz anders und wir lesen eigentlich den Roman, den Jules in dieser Berghütte bei Alva und Romanow schreibt.

Benedict Wells beweist wieder einmal, dass er ein sehr guter Storyteller ist. Er schafft es, eine Melancholie und  Atmosphäre zu kreieren, in der der Leser sich verlieren kann. Auf jeden Fall verliert man die Zeit beim Lesen aus den Augen, denn man möchte wissen, wie es den Figuren ergeht. Apropos Figuren: Wells erschafft dabei eine wunderbare Tiefe seiner Charaktere, die ebenfalls glaubhaft ist. Es ist gerade so, dass man eine Lieblingsfigur benennen möchte, aber es nicht kann. Sie sind alle wundervoll und nachvollziehbar und viele konnte man in diesem kurzen Text gar nicht erwähnen, weil man dann selbst einen Roman geschrieben hätte. Eine weitere Leistung von Wells ist, dass er die Facetten der Einsamkeit in diesem Roman schön beschreibt. Seine Figuren sind nämlich auf vielfältige Weise einsam, aber diese Erkenntnis sollte jeder für sich selbst beim Lesen machen. Für die Liebesgeschichte rund um Jules und Alva hofft man allerdings, dass es ähnlich wie in einem Song von Noel Gallagher und den High Flying Birds ist. Dort heißt es: „It’s alright, if you dance with me tonight, we‘ll fight the dying of the light.“ Genau dieses Ende wünscht man sich für Jules und Alva, aber ob es so kommt…? Viel Spaß beim Lesen.

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes Verlag. Zürich 2016. 368 Seiten. 22,00 €.

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2 Kommentare zu “Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

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