Wechselseitig: Wir als Leser

Mit Frau Kempowski über Bob Dylan reden.

Ein Forschungsaufenthalt der besonderen Art.

nartum

von Stephan Lesker

Es beginnt mit einer halben Stunde Verspätung. In Hamburg-Harburg sind die Gleise gesperrt. Die Deutsche Bahn übt ihre Fahrgäste also wieder einmal in Geduld und die Verzögerung bringt es mit sich, dass der Regionalzug von Hamburg nach Bremen brechend voll ist. In Rotenburg an der Wümme steige ich schließlich mit nur noch 29 Minuten Verspätung aus und schnappe mir ein Taxi nach Nartum. Mein Ziel ist das Haus Kreienhoop. Walter Kempowski hat hier mit seiner Frau Hildegard einen Großteil seines Lebens verbracht. Das Haus war schon zu Lebzeiten des 2007 verstorbenen Autors ein Ort der Begegnung. Regelmäßig fanden hier Literaturseminare statt, und Besuche „auf gut Glück“ waren jederzeit möglich, solange man die Mittagsruhe beachtete. Kempowskis Tagebücher zeugen von einigen dieser Besuche. Mal fühlt sich der Dichter geschmeichelt, mal – bei zu penetrantem Auftreten des Besuches – belästigt. Das Haus sollte also eigentlich in der Region bekannt sein. Der Taxifahrer fragt mich dann auch, ob ich für einen Forschungsaufenthalt in Nartum weile, worauf ich, einen Kempowski-Kenner vermutend, begeistert „ja“ sage. „Dann studieren Sie also Archäologie.“ lautet die Antwort, die mich nur kurz überrascht, da ich weiß, dass es in der Nähe ein Steinzeitgrab gibt, den sogenannten Hünenkeller. Nun, dieses Missverständnis ist schnell aufgeklärt. Leider sind wir nicht ganz so schnell in Nartum, denn der Taxifahrer verfährt sich. Sein Navigationsgerät hat keinen Saft mehr und auswendig weiß er den Weg nicht. Irgendwann sind wir dann doch noch angekommen.

Das Haus hat nichts von seinem Charme eingebüßt. Der Büchergang, der Turm, das Rostock-Zimmer; alles wirkt gewohnt freundlich und einladend. Es ist nach wie vor ein Ort der Begegnung, denn ich bin nicht der einzige, der sich an diesem Wochenende zum Arbeiten hier aufhält. Eine junge, mir unbekannte Dame begrüßt mich, zeigt mir mein Zimmer und geleitet mich ins Büro, wo ich mit meiner Arbeit beginnen kann. Frau Kempowski hat mir einen kleinen Zettel dagelassen. Sie ist gerade noch unterwegs und wird mich später willkommen heißen. Nun gut, ich weiß, dass ich mit der Arbeit beginnen darf, aber ein schlechtes Gewissen beschleicht mich doch, als ich mir eines der unveröffentlichten Tagebücher Walter Kempowskis einfach so aus dem Regal nehme. Natürlich sind meine Bedenken völlig unbegründet, denn als Frau Kempowski das Büro betritt, fragt sie sogleich interessiert und fasziniert, woran ich denn gerade arbeite. Auch Nelly, der vermutlich freundlichste Hund der Welt, schließt sich der Warmherzigkeit, mit der Gäste hier begrüßt werden, freudig an. Schon zu Beginn wird mir klar: ein Forschungsaufenthalt im Haus Kreienhoop ist etwas Besonderes.

Nach ein paar Stunden Arbeit kommen alle beim Abendessen zusammen. Frau Kempowski hat Labskaus zubereitet. Jetzt erfahre ich, warum die anderen hier sind und sie erfahren auch den Grund meines Aufenthaltes. Neben mir, der jungen Frau, die mich begrüßte und die, wie ich jetzt erfahre, an einem Science-Fiction-Roman schreibt, ist auch noch eine russische Pianistin da, die Kempowskis Flügel für ihre Etüden nutzt. Während ich mich nach dem Essen wieder ins Büro begebe, dringen aus dem Saal Beethoven und Brahms gedämpft an mein Ohr, was der Arbeit einen besonderen Charme verleiht.

Beim Frühstück am nächsten Morgen lerne ich die Vorzüge von Heumilch kennen und spreche mit Frau Kempowski über Bob Dylan. Erstere schmeckt besser und soll dazu noch gesünder sein als „normale“ Milch, letzterer hat den Nobelpreis ihrer Meinung nach zu Recht bekommen, auch wenn sie (wie wahrscheinlich viele) doch sehr überrascht war. Da ich über Bob Dylan nicht sehr gut Bescheid weiß (ich kenne nur das, was sowieso jeder kennt), ist mir leider kein fundiertes Urteil möglich. Zum Glück sind mehrere Tonträger im Hause und ich kann mich so wenigstens zu den Texten äußern, die im Booklet versammelt sind. Zum Anhören bleibt leider keine Zeit.

Bevor ich wieder an die Arbeit gehe, erzählt mir die Science-Fiction-Autorin etwas über die Gepflogenheiten von sogenannten Literaturagenten und wir tauschen uns noch ein wenig über Michel Houellebecq aus, dessen Werke wir beide sehr schätzen. Durch Frühstück und Gespräche gestärkt, kann es also weitergehen. Frau Kempowskis Vorbereitung des Mittagessens lässt mich dann allerdings kurz von den Tagebüchern ihres Mannes abschweifen und ich denke ein wenig über das Haus Kreienhoop nach. Die ganze Atmosphäre im Haus ist so zuvorkommend, dass man unweigerlich ein schlechtes Gewissen bekommt, hier derart bewirtet zu werden. Und das auch noch kostenlos! Man möchte irgendwie seine Hilfe anbieten und überlegt, wie man dies am besten macht, ohne aufdringlich zu wirken. Da man keinen Weg findet, lässt man‘s, was dem schlechten Gewissen nicht unbedingt abträglich ist. Die Spirale beginnt von vorn. Ein Teufelskreis. Die ungezwungene Art, die Frau Kempowski an den Tag legt, lässt das schlechte Gewissen allerdings bald in Vergessenheit geraten, sodass man konzentriert weiterarbeiten kann. Nach drei Tagen reise ich leider schon wieder ab und stelle mich dem (mon-)täglichen Gewusel des Hamburger Hauptbahnhofes, das nach der Ruhe und Idylle Nartums einem Kulturschock gleichkommt. Spätestens hier möchte man am liebsten wieder umdrehen und sich in den Kempowski-Kosmos begeben. Nicht nur für Forschungsaufenthalte gilt: Das Haus Kreienhoop ist immer eine Reise wert; wenn der Taxifahrer es denn findet.

Näheres über das Haus Kreienhoop und die Kempowski-Stiftung kann man hier erfahren: http://www.kempowski.de/

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