Wechselseitig: Wir als Leser

Welcome to the jungle

Teresa Präauer liest in Rostock aus ihrem neuen Roman Oh Schimmi.

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von Torsten Ehlers

Eigentlich fand ich den neuen Roman von Teresa Präauer eher durchschnittlich. Klar, es ist ein Text, der sprachlich mindestens ambitioniert ist und der auch nicht wirklich schlecht ist, aber irgendetwas fehlt. Doch der Reihe nach. Es ist Dienstag. Deutschlands Fußballnationalmannschaft trifft bei einem Freundschaftskick auf Italien, ein Spiel, das sich von vornherein in die langweiligste Kategorie stecken lässt. Da kann ich dann doch zur Lesung gehen und hoffen, dass Teresa Präauer es schafft, ihr neuestes Werk so darzustellen, dass ich zumindest eine Meinung zu dem Roman bekomme.

Oh Schimmi handelt von einem Jungen, der aufgrund seines Verhaltens gern als Halbstarker bezeichnet werden kann. Schimmis Auftreten ist die ganze Zeit von seinem überbordenden Selbstbewusstsein bestimmt und er kennt nur ein Ziel: Ninni, die Frau seiner Träume. Im Roman schildert Teresa Präauer eigentlich nur, wie und mit welchen Mitteln dieser Junge sich durch den Großstadtdschungel kämpft, um seiner Angebeteten nahe zu sein. Das letzte Mittel ist dann die Verkleidung als  Affe, was die ganze Dschungelmetapher abrundet. Klingt unspektakulär, macht aber hin und wieder Spaß. Also mache ich mich auf den Weg zum Literaturhaus in Rostock, wo die besagte Lesung stattfindet.

Die Dschungelthematik verfolgt mich auch hier. Mit zwei Freunden gehe ich in das Gebäude hinein und im Flur, eine Treppe hoch, springt uns ein Dschungel von Plakaten an. Da es noch Zeit ist bis zum Einlass, kämpfen wir uns durch diese Plakate an den Wänden. Jede Menge Ankündigungen von Veranstaltungen auch „Max Gold“ – ja auf dem Plakat wurde er wirklich ohne t geschrieben, nicht zu fassen – schaut mal wieder in Rostock vorbei. Egal, wir gehen weiter durch die nächste Tür. Hier erwartet uns nun ein Dschungel voller Türen, links zwei, rechts zwei und gerade zu eine große. Wenn ich nicht schon mal hier gewesen wäre, wäre es echt schwer für mich, den richtigen Weg und Raum zu finden. Aber da ich regelmäßig im Literaturhaus bin, kann ich damit umgehen.

Wir finden die richtige Tür ohne weitere Probleme. Der Dschungel aus Plakaten und Türen konnte uns also nicht stoppen. Wir betreten den Raum, suchen unsere Plätze und warten darauf, dass es los geht. Beim Warten blicke ich auf die Bühne, wo die Autorin später Platz nehmen soll und schaue zu einem Strandkorb, der links am Rand steht. Dort liegen Schoko-Gelee-Bananen und auch richtige Bananen. Entweder hat sich da einer gut vorbereitet oder er erlaubt sich einen merkwürdigen Scherz mit diesem Buch. Bananen würde das Großstadtäffchen Schimmi nie anrühren, aber die Schoko-Gelee-Bananen dürften seinen Geschmack treffen. Ich denke wohlwollend bei mir: Die haben das Buch gut gelesen. Dann trifft die Autorin ein, begibt sich auf die Bühne und bekommt einen Pappbecher voll mit Wasser. So weit nicht ungewöhnlich, doch auf dem Pappbecher sind Affen-  oder auch Dschungelmotive drauf. Ok, jetzt wird es dann doch ein bisschen viel mit diesen ganzen Dschungel- und Affenanspielungen. Als die Autorin dann den Becher sieht und auch noch zu verstehen gibt, wenn sie aus diesem Becher trinke, könnten wir sehen wie sie mutiert, bekomme ich es mit der Angst zu tun und frage mich: Was für eine Lesung mich heute erwartet. Meine Phantasie driftet mal wieder ab und das Kopfkino läuft.

Ich stelle mir vor, dass die Autorin und das Literaturhaus sich abgesprochen haben und während der Lesung einen Menschen in einem Affenkostüm durch die Reihen der Leser laufen lassen. Ich bekomme es ein wenig mit der Angst zu tun und ein Schaudern fährt mir über den Rücken. Doch Teresa Präauers Stimme holt mich wieder zurück in den Raum. Die Lesung beginnt und ich erhoffe mir nun eine Tendenz für dieses Buch zu bekommen. Gut oder schlecht? Oder vielleicht doch durchschnittlich, also keine Veränderung? Die Lesung wird gut. Frau Präauer kann ihren Text wunderbar vortragen und ich bekomme mit, dass er wesentlich lustiger und makabrer ist, als ich dies beim Lesen empfunden habe. Dass es ein Text ist, der einen kurzen Einstieg hat und dessen Handlungsgeschwindigkeit kaum Zeit zum Nachdenken lässt, war mir vorher klar. Teresa Präauers Lesen zeigt mir aber, dass man diesen Text auch langsam lesen kann und er dennoch nichts von seinem Tempo einbüßt. Sie liest ruhig und langsam mit ihrem österreichischen Dialekt, aber das rastlose in Schimmis Tun in diesem Großstadtdschungel bringt sie dennoch rüber. Hin und wieder erhebt sie die Stimme und wird auch etwas schneller, aber durch das Österreichische bleibt eine gewisse Gemütlichkeit vorhanden. Genau das Richtige für eine entspannte Lesung.

Der Rest der Veranstaltung verlief dann relativ unspektakulär und ich gehe mit dem Gefühl nach Hause, dass ich das Buch jetzt vielleicht ein Stück weit mehr mag als zuvor. In meiner Top Ten wird es trotzdem nicht landen, da kann selbst die sympathische Autorin nichts machen. Ich schaue auf mein Smartphone und denke, mal gucken, ob du dich richtig entschieden hast, was die Freizeitaktivität für diesen Abend angeht. Deutschland gegen Italien 0:0. Ich freue mich. Alles richtig gemacht, das bessere Unterhaltungsprogramm für diesen Dienstagabend hatte ich definitiv gefunden.

Teresa Präauer: Oh Schimmi. Wallstein Verlag. Göttingen 2016. 204 Seiten. 19,90 €.

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