Reinhard Kleist: Havanna. Eine kubanische Reise

Das letzte Paradies?

Reinhard Kleist zeichnet ein ambivalentes Havanna

kleist-havanna

von Torsten Ehlers

Im März 2008 macht sich der Zeichner und Graphic Novel-Autor Reinhard Kleist auf den Weg nach Kuba. Sein Ziel: Havanna. Sein Anliegen? Er möchte ein Reisetagebuch erstellen und das Bild eines spannenden Landes und einer spannenden Stadt zeichnen. Der Vorwurf, der ihm gemacht wird, ist ganz simpel: Ein hoffnungsloser Revolutionsromantiker sei er, der wohl auf Kuba-Kitsch stehe. Was immer auch mit Kuba-Kitsch gemeint sein soll. Vielleicht ein verklärtes Bild dieses Landes, das als letzte Bastion des Sozialismus galt, bis sich Fidel Castro zurückzog, und bei dem nun alle gespannt darauf sind, welchen Weg dieses Land einschlagen wird. Reinhard Kleist versucht ab der ersten Seite seiner Graphic Novel Havanna. Eine kubanische Reise lediglich die Position des neutralen Beobachters einzunehmen.

Ein Land und eine Stadt im Zwiespalt

Auf den ersten Blick scheint Havanna eine Stadt wie jede andere zu sein. Großstadtflair wie man ihn in Berlin, New York und auch London findet, gibt es hier auch. Cafés, Bars, Hotels und Restaurants; an nichts von alledem fehlt es in Havanna. Lediglich an den Fahrzeugen lässt sich noch ein Unterschied ausmachen. Während man in New York und Berlin vermutlich die neuesten Chevrolet-, Mercedes-, Audi- und BMW-Modelle antrifft, sind die Autos in Havanna fast eine Hommage an die guten alten Zeiten, in denen das Auto noch ein Straßenkreuzer sein musste. Zeitlich entspricht dies vermutlich den 60er und 70er Jahren in den USA. Also ein besonderes Alleinstellungsmerkmal lässt sich hier nicht erkennen bzw. dies nur anhand der Autos festzumachen, erscheint einfach zu wenig. Kleist begibt sich deshalb mehr ins Detail und beobachtet die Menschen. Viele von ihnen sind glücklich. So scheint es jedenfalls. Doch die Fassade trügt. Die Menschen sind keineswegs glücklich, jedenfalls nicht alle. Wenn es gut für die Regierung lief, haben sich die Menschen mit dem Mangel, den sie in ihrem Leben haben, arrangiert. So beklagt sich jedenfalls ein Autoliebhaber, dass er seinen Chevy nicht mehr reparieren kann, weil er auf das Ersatzteil wartet, und dies schon seit Jahren. Ein anderer Bewohner Havannas hat noch ein viel größeres Problem. Die Familie lebt in Deutschland, aber der Kontakt ist nicht vorhanden. Internetzugänge gibt es für die Bevölkerung nicht und das Telefon funktioniert nur sporadisch. Also wie nimmt man Kontakt auf mit seinen geflohenen Familienangehörigen, die mit diesem Mangelleben und den Repressalien nicht mehr leben wollten? Genau in diesem Punkt verlässt Kleist, der selbst in die Geschichte eingebaut ist, seinen neutralen Beobachtungsposten. Er stellt sein Handy zur Verfügung und nimmt Briefe an sich, die er verspricht weiterzuleiten. Dass dies auch für ihn gefährlich werden kann, darauf weist ihn seine Freundin, bei der er in Kuba wohnt, hin. Doch zwischen all den Problemen, die es in Havanna und somit auch in Kuba gibt, gewinnt Kleist dennoch den Eindruck, dass diese Insel ein schönes Fleckchen Erde ist. Dies zeigt sich in den Zeichnungen der Strände, die nicht an diese übervölkerten Touristensammelplätze wie auf Mallorca oder an der Ostsee erinnern. Vielmehr sind es hier Strände, die naturbelassen und naturgewachsen sind.

Reinhard Kleist beweist wieder mal sein Geschick, ein brisantes Thema ambivalent in einer Graphic Novel zu verarbeiten. Zwar ist das Werk Havanna. Eine kubanische Reise nicht so stark, wie etwa sein Werk zu Johnny Cash, aber dennoch kann man die Atmosphäre Kubas erahnen. Im Gegensatz zu Cash. I see a darkness oder auch Der Traum von Olympia arbeitete Kleist hier mit Farbe. Dies lässt vermutlich den Kritikpunkt der Romantisierung Kubas zu, denn die Sonnenuntergänge erstrahlen in den wunderbarsten Farben und sind ebenso schön gezeichnet. Aber Kleist zeigt nicht nur stupide Romantik. Zwar möchte er nur ein neutraler Beobachter sein, aber dennoch setzt er immer mal wieder Kritik an der kubanischen Lebensweise in sein Werk hinein und genau dieser Umstand macht diese Graphic Novel lesenswert. Er zeichnet nicht nur eine stumpfe Großstadt und stellt so deren Abbild dar. Er kritisiert auch, das sehr dezent und mit dem Versuch der allergrößten Neutralität, die für einen Autor möglich ist.

Reinhard Kleist: Havanna. Eine kubanische Reise. Carlsen Verlag. Hamburg 2008. 96 Seiten. 19,90 €.

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