In Schlucken-zwei-Spechte. Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege

Hätte ich diese Biographie nur früher gelesen.

rowohltsotscheck_gr

von Nicole Kutzner

Harry Rowohlt erzählt, Ralf Sotscheck lenkt

Dass die Verschriftlichung einer Biographie nicht unbedingt etwas mit harter Arbeit zu tun haben muss, geschweige denn sowohl der Inhalt als auch die Formulierungen durchchoreographiert sein müssen, zeigen Ralf Sotscheck und Harry Rowohlt in der 2002 erschienenen Harry-Rowohlt-Biographie. Die Idee zu diesem Projekt hatte der Verleger Klaus Bittermann, welcher Ralf Sotscheck und Harry Rowohlt vorschlug, doch einfach mal ein Tonband bei ihren etlichen Kneipenbesuchen laufen zu lassen, um daraus eine Biographie über Harry Rowohlt zu machen.

Im Jahre 2001 ersetzten sie dann die Kneipe gegen ein Cottage, den Alkohol gegen Tee und ließen sieben Tage lang ein Tonband während ihrer Unterhaltungen mitlaufen. Viel mehr schien man aber auch einfach nicht zu benötigen, um den im Jahr 1945 geborenen und 2015 verstorbenen Übersetzer, Kolumnisten und Schriftsteller (die Reihe der Tätigkeiten könnte unendlich weiter geführt werden) zur Äußerung druckreifer Anekdoten über sein Leben zu bewegen. Die vorwiegende und durchaus anspruchsvolle Aufgabe von Ralf Sotscheck bestand darin, die Anekdoten in den übergeordneten Rahmen von Eckdaten und Eckpfeilern in Harry Rowohlts Lebenslauf zu integrieren.

Ein bisschen Choreographie ist aber dann doch in diesem Büchlein enthalten, nämlich in der zugrundeliegenden Chronologie, die so ein gelebtes Leben per definitionem mit sich bringt und die ganze ‚Geschichte‘ einfach übersichtlicher macht. So sind in den sieben Tagen die Kapitel Kindheit, Lehrzeit, Amerika, Übersetzungen, Preise, Lindenstraße und Griechenland entstanden.

Warum Freddy Quinn nicht schwul ist und studieren einen nicht unbedingt schlauer macht

Dass dieses Projekt in der Retrospektive als erfolgreich deklariert werden kann, lässt sich nicht nur daran festmachen, dass die Biographie, um ein Kapitel ergänzt, mittlerweile in der vierten Auflage erschienen ist, sondern vor allem an dem absolut kurzweiligen, interessanten und humorvollen Inhalt.

So erfahren wir, dass Harry Rowohlt das Buch Die Asche meiner Mutter nach eigenem Bekunden vier Mal übersetzen musste. Einmal aus der Original-Sprache in das Deutsche und dreimal aus dem Lektorierten in das Deutsche. Denn die Lektorin verfügte beispielsweise nur über bescheidene etymologische Kenntnisse und ersetzte das Wort „Mounty“ im gesamten Buch durch das Wort „Bergpolizist“. Nur ein Indiz für Harry Rowohlt, warum man während eines Studiums nicht unbedingt etwas lernt, sondern nur studiert oder um es anders zu formulieren, lediglich nur ‚Scheine macht‘. Ein Gedanke, der vielleicht jedem Studierenden das ein oder andere Mal durch den Kopf geistert. Sein eigenes Studium der Amerikanistik hat Harry Rowohlt deshalb auch bereits nach zweieinhalb Stunden abgebrochen. Dass muss man wohl konsequent nennen. Zudem wissen wir jetzt endlich, warum Robert Gernhardt und Wiglaf Droste verfeindet waren. Oder dass Freddy Quinn nach Auskunft der ehemaligen Wirtin der Blockhütte auf gar keinen Fall schwul sein kann, weil er nämlich auf kleine Jungs steht.

Völlig hemmungslos und authentisch folgt eine Anekdote der anderen, was diese Biographie zur interessantesten macht, die ich jemals gelesen habe. Denn zum einen harmonieren Gesprächspartner selten derartig gut wie Ralf Sotscheck und Harry Rowohlt und zum anderen verfügte selten jemand über so viel Erzähltalent wie Harry Rowohlt.

Harry Rowohlt, Ralf Sotscheck: In Schlucken-zwei-Spechte: Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege. Edition Tiamat. Berlin 2009. 226 Seiten. 15,00 €.

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