Jan Böttcher: Y

Die improvisierte Welt.

Jan Böttcher beschreibt die Entwurzelung von Menschen.

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von Torsten Ehlers

Was der Mensch braucht, um geerdet zu werden, sind andere Menschen, die ihn immer wieder auf den „Boden der Tatsachen“ zurückholen. Dazu bedarf es der sogenannten Wurzeln. Back to the roots ist ja mittlerweile ein geflügelter Begriff geworden und wird inflationär gebraucht. Fast jeder Mensch, der meint in einer Sinnkrise zu sein, besinnt sich auf seine Herkunft. In seinem Roman Y begibt sich Jan Böttcher auf die Suche nach den Wurzeln eines Menschen, ja eigentlich einer ganzen Familie.

Leka ist ein Junge, der in Deutschland geboren ist. Seine Großeltern sind während des Bürgerkriegs aus Kosova – so die richtige Bezeichnung für den Kosovo, wie uns das Buch erklärt – geflohen. In Hamburg sind sie nicht richtig angekommen. Wurzeln schlagen war hier also nicht möglich. Doch in dieser Zeit geht Lekas Mutter Arjeta Neziri eine Beziehung mit dem Deutschen Jakob Schütte ein, aus der Leka hervorgeht. Eigentlich die Gelegenheit für die Familie in Deutschland Fuß zu fassen, doch dies gelingt nicht. Zu groß sind die Differenzen zwischen den Kulturen und der Auffassung vom Zusammenleben. Die Neziris gehen nach Ende des Krieges nach Kosova zurück. Arjeta ist schwanger und muss den Weg ebenfalls antreten. Eine unverheiratete schwangere Frau wird in Kosova aber nicht hoch angesehen. In den Augen von Arjetas Vater ist sie eine Schande. Diese gilt es zu kaschieren und so wird dem zukünftigen Mann von Arjeta Neziri, einfach das Kind als seines untergejubelt. Leka wiederum begibt sich auf die Suche nach seinen Wurzeln und reißt aus, um mal hier, mal dort bei seiner Mutter, den Großeltern oder auch seinem leiblichen Vater zu wohnen.

Eine auf Improvisation gebaute Gesellschaft

Doch nicht nur die Familiengeschichte der Neziris ist Thema des Romans. Vielmehr konzentriert Jan Böttcher sich darauf, dass die Menschen in unserer Welt nur noch in einem Provisorium leben. Besonders deutlich wird dies bei der Beschreibung der überlaufenden Abwasserkanäle, mit denen Prishtina bei starkem Regen zu kämpfen hat. Zum einen ist die Stadt zu schnell gewachsen, was Einwohner und Gebäude angeht. Dies kann das Abwassersystem einfach nicht bewältigen. Zum anderen verhindert die Korruption einen nachhaltigen Ausbau der Kanalisation, denn: Möchtest du etwas bauen in diesem Land, musst du immer auch erst einmal einen Beamten bestechen. Doch dies ist nicht nur ein Problem in Kosova. Der Roman liest sich so, als ob dies ein typisches südeuropäisches Problem sei und es solche Problemfälle im Norden Europas nicht geben würde. Hier kann man eine Schwachstelle des Romans sehen. Der mahnende Zeigefinger, mit dem hier auf die Korruption in südosteuropäischen Regionen gedeutet wird, ist nicht wegzudiskutieren, sei Böttcher und seinem Roman aber zugestanden.

Ein weiteres Beispiel im Roman für die improvisierte Welt, in der wir leben, ist der Umstand, dass wir nicht mehr langlebige sondern lediglich Behausungen auf Zeit bauen. So zum Beispiel die Häuser, die nach einer Naturkatastrophe wieder aufgebaut werden. Meist sind diese nur noch so konstruiert, dass sie bei der nächsten Katastrophe einfach zusammenfallen und dann kostengünstig wieder aufgebaut werden können.

Mit Krieg lässt sich Geld verdienen

Einen weiteren Aspekt dieses Romans bildet der Part, der aufzeigt, dass sich mit Krieg und dem damit einhergehenden Leid, Geld verdienen lässt. Jakob Schütte, der Vater von Leka, ist Computerspielprogrammierer  und –entwickler. Nachdem er von Lekas Großvater ausgebotet wird, rächt er sich auf seine Weise. Jakob gründet eine Spielefirma und deren erstes Spiel ist ein Egoshooter über den Krieg in Kosova. Das Perfide daran ist; dass er einen Bruder von Arjeta dafür bezahlt, ihm Informationen darüber zu geben, welche Waffen im Krieg verwendet wurden und wie die Baupläne dieser Waffen sind. Das Spiel wird ein voller Erfolg, aber unter anderem deshalb, weil Jakob in dieses Spiel eine Familiengeschichte einbaut, die der seinen sehr nahe kommt. Leka spielt dieses Spiel und bestimmte Level kann er, weil er seinem Vater hilft das Spiel zu entwickeln, einfach überspringen. Diese Spielabschnitte, die Leka nur einmal spielt und dann nicht mehr spielen möchte, sind die Passagen, in denen er seine Familie wiedererkennt.

Jan Böttcher hat mit Y einen ambitionierten Roman vorgelegt, der eigentlich die Chance haben könnte, ein großer europäischer Roman zu sein. Er greift Themen auf wie kulturelle Unterschiede, Krieg, Liebe, die Beschreibung einer Familie, die lediglich nur schwache Wurzeln bilden konnte und vieles mehr. Doch bei allen Ambitionen, die der Roman mit diesen Themen haben muss, scheitert dieser dann doch daran, dass der Autor vielleicht zu viel gewollt hat. Klar, kann man versuchen mehrere Probleme in einem Roman anzusprechen und zu verarbeiten, aber alle Probleme, die es in Europa, Kosova und Deutschland gibt, ist dann einfach zu viel und kann den Lesefluss stören. Die Leichtigkeit, mit der Saša Stanišić, vom Kosovakrieg erzählt, gelingt ihm nicht. Muss es vielleicht auch nicht, denn es gibt mehrere Optionen sich solch einem Thema zu nähern. Aber zu viel Pathos und Schwere sind in Jan Böttchers Wortwahl und in seinen Satzgefügen enthalten, so dass man immer den mahnenden Zeigefinger spürt. Ein weiteres Problem dieses Romans ist die nicht zu fassende Erzählerfigur. Die Motivation des Erzählers dieser Familiengeschichte nachzugehen, wirkt konstruiert. Zwar versucht dieser eine Haltung zum Nachkriegskosova einzunehmen, aber über halbgare Anmerkungen zur Situation vor Ort kommt er nicht hinaus. Ein wenig verstrickt er sich hier in einer aufgesetzten political correctness, die dem Roman die Poesie – die in Böttchers Roman Das Lied vom Tun und Lassen vorhanden ist – nimmt. Es gibt hier keinen einheitlichen Sound. Des Weiteren ist es durch den fehlenden Sound auch anstrengend diesen Roman zu lesen. An allen Ecken und kann man das Ächzen der zurechtgebogenen Handlung hören. Schade, kann man da nur sagen, denn eigentlich sind die angesprochenen Themen wichtig, aber der Roman kommt nie über das Standing einer Improvisation hinaus. Ja, man kann sagen, dass er zwischendrin sehr plakativ geschrieben wirkt, vielleicht sogar etwas weichgespült. Erschrickt sich der Autor hier etwa selbst, weil er die Größe und Tragweite seiner Themen nicht mehr fassen und diese nicht gut genug abarbeiten kann?

Jan Böttcher: Y. Aufbau Verlag. Berlin 2016. 255 Seiten. 19,95 €.

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Ein Kommentar zu “Jan Böttcher: Y

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