Tilman Rammstedt: Morgen mehr

Schrödingers Fridtjof

Tilman Rammstedts Roman Morgen Mehr – eine rasend komische Irrfahrt.

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von Stephan Lesker

Das Projekt

Es beginnt mit einem Problem. Tilman Rammstedt ist dafür bekannt, seine Manuskripte nicht unbedingt pünktlich abzuliefern. Als Verleger, der sich zu einem solchen Gebaren nun irgendwie verhalten muss, hat man natürlich vielfältige Reaktionsmöglichkeiten: Wut, Drohungen mit der Aufkündigung des Vertrages, Resignation etc.
Jo Lendle, Chef des Hanser Verlages, hatte – wohl, weil er ebefnalls Schriftsteller ist und deswegen Verständnis für Rammstedt aufbrachte – eine bessere Idee: Er „zwang“ den Autor, über drei Monate lang täglich etwas zu schreiben. Jeden Tag sollten ein paar Seiten entstehen. Wenn man wollte, konnte man live dabei sein und bekam das Erzeugnis des jeweiligen Tages per E-Mail oder Whats-App zugeschickt. Gegen Aufpreis natürlich. Man abonnierte also einen Roman, der noch gar nicht geschrieben war. Diese Form der Häppchen-Literatur kennt man spätestens seit dem 19. Jahrhundert, als Romane noch in Zeitungen als Fortsetzungen abgedruckt wurden. Die Erzählungen waren aber meist fertig, als der erste Teil in den Periodika erschien. Bei Rammstedts Roman war dies anders. Als er das erste Kapitel schrieb, kann er höchstens eine vage Ahnung vom Fortgang der Handlung gehabt haben, vielleicht nicht einmal das.

Der Roman

Es beginnt mit einem Problem. Der Erzähler ist noch nicht geboren, muss dies aber in den nächsten 24 Stunden irgendwie zu Wege bringen, sonst ist es zu spät. Er hat also nur noch diesen Tag Zeit: den 30 Juni 1972. Am Ende wird er nach langer Irrfahrt endlich in Paris ankommen – gerade noch rechtzeitig für den großen Showdown.
Die Erzählerfigur teilt eine wichtige Eigenschaft mit dem Roman: auch sie ist – wie das Buch – zu Beginn noch nicht geboren und ist somit eine Art Wi(e)dergänger des Romans selbst. Aber Moment! Mit diesem Satz stimmt irgendetwas nicht, von seiner kruden Syntax ganz zu schweigen. Der Begriff passt nicht hinein. Wenn man ein Wi(e)dergänger ist, so lehrt es Grimms Wörterbuch, muss man zunächst einmal gestorben sein. Um gestorben zu sein, muss man vorher geboren werden, was ja weder auf Buch noch Erzähler zutrifft. Vergessen wir diesen Satz also, überspringen die Inhaltsparaphrase und kommen zum Urteil: Das Buch ist zweifelsohne Stückwerk und nicht frei von Redundanzen. Gleichwohl strotzt es vor Humor, der manchmal purer Slapstick ist. Rammstedt spielt geschickt mit verbrauchten Klischees ohne dabei selbst verbraucht zu wirken. Die Charaktere sind keinesfalls nur auf Belustigung hin konzipiert, sondern werden äußerst tiefgründig gezeichnet. Sie haben alle ihre Abgründe und Tragödien durchlebt oder durchleben sie gerade. Die Erzählung ist voll von Spannungsmomenten, die geschickt und plakativ durch die Handlung transportiert werden. Ein Beispiel hierfür ist der Inhalt eines Koffers, der von großer Bedeutung ist, denn schließlich sind drei Gangster der Frankfurter Unterwelt hinter ihm her. Auch auf die Gefahr hin, etwas vorwegzunehmen, möchte ich dieses Rätsel hier lüften: Der Inhalt des Koffers ist ein [Platzhalter]. Viel ist damit natürlich nicht verraten, eigentlich gar nichts.

Man kann annehmen, dass ein Buch kolossal misslingen muss, wenn es in nur drei Monaten geschrieben wird. In diesem Fall, und genau das ist die große Leistung Rammstedts, ist es das aber nicht. Der Text ist voller witziger, charmanter und auch nachdenklicher Stellen. Der Erzähler erinnert (ganz entfernt, aber immerhin) an die Erzählerfiguren Ernst Augustins, dessen „Geist der Erzählung“ durchaus wohlwollend auf Rammstedts Buch blicken würde. Eine Erzählerfigur, die aktiv in die Handlung eingreift, obwohl sie eigentlich kein Teil der erzählten Welt ist, begegnet uns schließlich schon bei Augustin. Rammstedt tut es ihm gleich, ohne dabei epigonal zu sein.
Was soll man nun aber von so einem Experiment halten? Ein bisschen ist es so, wie mit Schrödingers Katze. Sieht man nicht nach ihr, ist sie tot oder lebendig zugleich. Analog gilt: Solange Sie dieses Buch nicht lesen, ist es gleichzeitig gut und schlecht. Übrigens spielt das Schrödinger-Experiment auch im Roman eine Rolle. Der arme Fridtjof (eine Figur, die auch sonst nicht viel zu lachen hat) wird nämlich in den Kofferraum eines Mercedes gesperrt. Dimitri (der dafür verantwortlich ist) traut sich nach einiger Zeit nicht mehr, nach ihm zu sehen. Fridtjof könnte ja tot sein. Und was dann? In diesem Fall ist es wirklich besser, mit der Ungewissheit zu leben, denn dann besteht zumindest die Möglichkeit, dass Fridtjof noch lebt.

Ein solches Erzählexperiment mag nicht jedermanns Geschmack sein. Es ist aber vor allen Dingen eines: Mal was Anderes! Eine Erzählung, bei der nicht einmal der Autor heute weiß, was morgen passiert, liest man nicht alle Tage. Und nicht nur deswegen lautet das Urteil: lesenswert.

Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Hanser, München 2016. 230 Seiten. 20 €.

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