Andrew Michael Hurley: The Loney

Der Geist des Herrn ruht auf mir; / denn der Herr hat mich gesandt, / damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde / und den Blinden das Augenlicht; damit ich den Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.

Lukas 4, 18      

Hurley_TheLoney

von Nicole Kutzner

The Loney

Ende der 70er Jahre begibt sich eine religiöse Glaubensgemeinschaft zum wiederholten Mal auf eine Pilgerreise an die englische Küste. Doch für viele von ihnen ist es nicht einfach nur eine Pilgerfahrt, sondern eine Reise der Hoffnung. Hanny, eines der Gemeindemitglieder und Bruder des Erzählers, ist geistig zurückgeblieben und soll nun endlich an dem Wallfahrtsort The Loney geheilt werden.
Aber die Reise scheint von Beginn an zum Scheitern verurteilt zu sein. Zum einen hat sich der alte Dorfpfarrer aufgrund seines Glaubensverlustes das Leben genommen — auch wenn sich dies niemand eingestehen möchte. Zum anderen könnten bereits die problematische Anreise und die toten Tiere auf dem Weg zum Wallfahrtsort von drohendem Unheil künden.
So stellt sich The Loney während des Aufenthalts auch als ein von Gott verlassener Ort dar, dem der neue Gemeindepfarrer, wenn man der Meinung von Hannys Mutter vertrauen darf, einfach nicht gewachsen ist. Und während sich die gottesfürchtigen Anwohner nicht in die Nähe von The Loney wagen, können sich der Pfarrer und einige Pilger seiner Anziehungskraft nicht entziehen.

Göttliche Zeichen und okkulte Handlungen

Die Unfähigkeit des neuen Gemeindepfarrers wird für Hannys Mutter vor allem in dem zu wenig geleisteten göttlichen Beistand deutlich. Während Pater Wilfried den ganzen Tag für und mit seinen Gemeindemitgliedern gebetet hat, scheint der neue Pater sich zu sehr mit weltlichen Angelegenheiten zu beschäftigen.
Auch wenn sich bisweilen das ein oder andere göttliche Zeichen offenbart wie beispielsweise frühzeitig ergrünende Bäume und umherfliegende Schmetterlinge sowie das an Ostern geborene Lamm, zeugen doch mindestens so viele Ereignisse und Entdeckungen von mysteriösen, wenn nicht sogar gottlosen Vorgängen. Da wären okkulte Gegenstände, welche die Reisenden im und um das Haus herum finden, eine Blinde, die plötzlich sehen und ein hinkender Mann, der wieder gehen kann. Alle diese Geschehnisse scheinen mit dem von Hanny und seinem Bruder entdeckten Haus in der Nähe von The Loney zusammenzuhängen.

Eine meisterhafte Exkursion ins Grauen?

Schaut man sich das Cover und die Pressestimmen zu The Loney an, so kann sich bei dem Leser die Erwartungshaltung einstellen, eine Gothic Novel in Händen zu halten. So schreibt der Telegraph, dass Debütromane selten so vollendet und unheimlich seien wie The Loney und auch die Sunday Times stellt fest, dass es sich bei dem Roman um eine „meisterhafte Exkursion ins Grauen“ handelt.
Natürlich ist es eine Frage der Perspektive, was jemand als gruselig und unheimlich empfindet. Wer Inspector Barnaby gruselig und unheimlich findet, der wird von diesem Buch hinsichtlich des Gruselfaktors bestimmt nicht enttäuscht. Alle anderen hingegen schon. The Loney ist zwar eine geheimnisvolle Geschichte, aber bestimmt keine Exkursion ins Grauen.
Das schadet dem Roman aber keineswegs. Denn tatsächlich schafft es Andrew Michael Hurley durch seine sprachgewaltigen Bilder, atmosphärischen Beschreibungen und den gekonnten Einsatz von Leerstellen The Loney zu einem spannenden und packenden Buch zu machen.

Hurley, Andrew Michael: The Loney. Ullstein Verlag. Berlin: 2016. 384 Seiten. 22 €.

 

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