David Prudhomme/Pascal Rabaté: Rein in die Fluten!

Sonne, Strand und Meer

David Prudhomme und Pascal Rabaté setzen der sommerlichen Auszeit ein Denkmal

Prudhomme Rein in die Fluten

von Torsten Ehlers

So ein typischer Tag am Meer läuft doch fast überall gleich ab. Zunächst gibt es den großen Kampf, dort überhaupt einmal anzukommen. Sämtliche Zufahrtsstraßen sind verstopft. Hat man es mit dem Auto bis nahe an den Strand geschafft, sind sämtliche Parkplätze belegt. Bis man dann fluchenderweise doch noch eine Lücke zum Parken gefunden. Am Strand das gleiche Schauspiel. Überall liegen schon Leute und man schaut sich um, ob es überhaupt noch einen geeigneten Platz zum liegen gibt. An der einen Stelle liegt etwas Müll rum, das geht natürlich gar nicht. Eine weitere Stelle ist zu schmal oder einfach zu hügelig. Hat man die geeignete Stelle gefunden, stellt man fest, dass es der FKK-Strand ist oder um einen herum nur Menschen liegen, die vielleicht wie gestrandete Robben aussehen. Zu allem Überfluss sitzt ganz in der Nähe noch eine Gruppe Jugendlicher, die junge und straffe Körper haben und sämtliche Frauen, die an ihnen vorbei wandern, wie bei einer Fleischbeschauung musternd anstarren und so etwas wie „Acht“, „Sechs“ oder „Neun“ rufen. Was kann daran entspannend oder auch schön sein? Ist das die ganzen Reisestrapazen wirklich wert gewesen?

Liebenswerte stereotype Strandbesucher

David Prudhomme und Pascal Rabaté haben sich dieser Aufgabe, etwas Schönes in all diesem Tun zu finden, angenommen und mit ihrer Graphic Novel Rein in die Fluten den typischen Tag am Strand verarbeitet. Dabei decken sie jede Menge interessante und liebenswert verschrobene Charaktere auf, die garantiert auf ein Klischee zurückgehen. Dort ist zum einen der Vater, der seinen Kindern ein Abenteuer verspricht, indem er seinem ältesten Sohn sagt, dass es am Abend nur das zu essen gibt, was sie am Strand einsammeln. Da springt bestimmt eine Meeresfrüchteplatte für die gesamte Familie raus und man hätte auch mal wieder etwas Gesundes zu sich genommen. Dass dieses Vorhaben kläglich scheitern muss, ist offensichtlich. Ein weiterer typischer Charakter ist die Dame, die sich die Bezeichnung Sonnenanbeterin verdient. Sie liegt nur am Strand herum, am besten noch die Nase im Handtuch vergraben und dreht bzw. bewegt sich nur alle Viertelstunde einmal, um keinen Sonnenbrand zu bekommen. Für den Leser wird durch Farbspielereien der beiden Autoren aber sehr schnell deutlich, dass sie diesen schon längst hat.

Spiel mit Formen und Körpern

Dennoch passt die Form der Frau ästhetisch und farblich in die Dünen. Zwischendurch ist ihr Teint perfekt in die Umgebung des Strandes eingebettet. Sogar so sehr, dass sich ein älterer Mann erfreut, hier nicht beim nackten-Frauen-Betrachten aufzufallen. Seiner Frau erzählt er, er schaue nur mal hinter die nächste perfekte Düne, um dem Hund etwas Auslauf zu verschaffen. Diese Düne, das hat er sofort bemerkt, ist die besagte Frau und erst mit jedem weiteren Panel, wird auch für den Leser ersichtlich, dass es sich um die besagte Sonnenanbeterin handelt. Rabaté und Prudhomme erschaffen immer wieder solche Bilder, bei denen Personen aus der Ferne betrachtet perfekt in die Umgebung eingefügt sind. Erst später als das Panel mehr und mehr auf eine bestimmte Stelle hineinzoomt, sieht der Leser, dass es sich hier eigentlich um Menschen handelt.

In Prudhommes und Rabatés Graphic Novel gibt es keine zusammenhängend erzählte Geschichte, denn im Mittelpunkt steht ein Tag am Strand. Diese Strandszenerie darzustellen, ist der eigentliche Plot. Beiden Autoren gelingt hier eine wunderbare Graphic Novel, die in ihrer schlichten Eleganz wunderbar ist. Sie stellt das Schöne im Gewöhnlichen und Alltäglichen solch eines Strandbesuchs dar. Trotz all der etwas beleibten Personen, die eingangs erwähnten Robben seien hier noch einmal in den Vordergrund gerückt, kann man doch fast in jedem Panel etwas Schönes entdecken und so eignet sich diese Graphic Novel perfekt für eine Lektüre am Strand. Aber Vorsicht; nicht dass sie sich auf den Schlips getreten fühlen, weil sie sich in einem der dargestellten verschrobenen Charaktere wieder erkennen oder sich gar vor Lachen auf die bereits Sonnen verbrannte Stirn hauen.

Prudhomme, David; Rabaté, Pascal: Rein in die Fluten! Reprodukt. Berlin: 2016. 120 Seiten. 24 €.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s