Sadie Jones: Jahre wie diese

„Sie liebten sich auf der dicken, weichen Matratze, die keine Sprungfedern hatte, und im feuchten Gras der sonnenbeschienenen Wiesen.“  – Sadie Jones Jahre wie diese

Jahre wie diese von Sadie Jones

von Nicole Kutzner

London Mitte der 70er Jahre

Bereits in den 60er Jahren hatte sich London zur europäischen Hauptstadt der Popkultur entwickelt, in der die Londoner ihr neu gewonnenes Lebensgefühl mit Musik, Mode und Literatur zum Ausdruck brachten. Die 70er wurden dann zwar zu dem Jahrzehnt, in dem das Vereinigte Königreich als „kranker Mann Europas“ bezeichnet wurde, weil das BIP zwei Jahre hintereinander gesunken war: Der kulturellen Szene Londons tat dies jedoch keinen Abbruch.
Es war die Zeit, als die Menschen rund um den Globus zu bunten Schlaghosen noch buntere Oberteile mit noch verrückteren Mustern trugen, und auf Partys ihre Körper rhythmisch zur Musik von The Clash, Fleetwood Mac, The Ramones, Donna Summer, Blondie und Bruce Springsteen bewegten. Literarisch kann vor allem der Erfolg des feministischen Romans als Spiegelbild des immer noch tief verwurzelten Sexismus und des aufkeimenden Feminismus angesehen werden. Denn auch wenn in London das kulturelle Leben pulsierte, wurden viele Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens von Rassismus und Sexismus beherrscht.

London und seine Theater

Wenn man an London denkt, dann auch an seine vielen Theater wie zum Beispiel das Globe Theatre, das Piccadilly Theatre, das Savoy Theatre oder an das Duke of York’s Theatre. Im Mittelpunkt von Sadie Jones’ Roman steht genau diese kulturelle Szene: das London der Theater.
Luke, Leigh, Paul und Nina, die Hauptfiguren des Romans, versuchen jede auf ihre Art und Weise, Teil dieses Lebens zu werden. Luke, Sohn von Emigranten, kann trotz sehr guter Schulnoten nicht studieren und beschließt — nach einem kurzen beruflichen Abstecher in die Papierfabrik — nach London zu gehen, um dort endlich seinen Traum vom Schreiben zu verwirklichen. Relativ kurz nach seiner Ankunft zieht er in eine WG mit Paul, der eigentlich Ingenieur ist, aber, zum Leidwesen seines Vaters, Produzent werden möchte und dessen Freundin Leigh, die bereits als Inspizientin am Theater arbeitet.
Die vielleicht tragischste Figur des Buches ist Nina, die in ihrer Kindheit, von der Mutter abgeschoben, zunächst bei der Tante lebt. Nina möchte trotzdem in die Fußstapfen ihrer ewig nörgelnden Mutter treten und Schauspielerin werden. Streng genommen hatte ihre Mutter nie großen Erfolg als Schauspielerin und möchte deshalb natürlich umso mehr, dass ihr unerfüllter Traum nun endlich von der Tochter verwirklicht wird.

Rassismus und Sexismus

Der Leser ist sicherlich nicht verwundert, dass Nina, die auf Schritt und Tritt von ihrer Mutter begleitet wird und sich vorschreiben lässt was sie wann zu tun, zu essen oder besser nicht zu essen hat, schließlich auch noch den Ex-Freund ihrer Mutter heiratet.
Tony ist ein unbedeutender Regisseur am Theater (aber immerhin Regisseur), der Nina tatsächlich eine Hauptrolle in einem Theaterstück beschaffen wird, mit welcher Nina tatsächlich ihren Durchbruch feiern soll. Die Rolle der Gefangenen ist Nina wie auf den Leib geschrieben, war sie doch selbst ihr ganzes Leben eine Gefangene. Zunächst die ihrer Mutter, dann die ihres Ehemannes. Tony, der nicht offen zu seiner Homosexualität steht, findet den Ausgleich für die unterdrückten sexuellen Begierden darin, seine Frau sexuell zu erniedrigen. Deren einzige Waffe die Manipulation wird.
In dieser schweren Zeit lernt Nina Luke kennen, der auf dem besten Weg ist, sein erstes Theaterstück zu verkaufen, und beginnt eine Affäre mit ihm.

Bunt wie die 70er

Sadie Jones Roman zeigt uns, wie sich das Theater in den 70er Jahren von einer Institution für die elitäre Bildungsschicht zu einem der breiten Öffentlichkeit verfügbaren Medium entwickelte. Fahrende Theatergruppen bereisten das Land und überall schossen kleine Laientheatergruppen aus dem Boden. Thematisch konnte jetzt alles gezeigt werden, was einen interessierte. Jahre wie diese kann aber auch als stiller Appell gelesen werden, seine Träume zu verwirklichen. Dass wiederum heißt aber auch, wie uns die Figuren zeigen, herauszufinden, wer man ist, was man kann und wen man liebt.
Ein buntes und junges Buch über Zeiten des Aufbruchs und des Ausbruchs, das die 70er für kurze Zeit wieder auferstehen lässt.

Sadie Jones: Jahre wie diese. Penguin. München 2017. 411 Seiten. 10 .

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