Roman Graf: Niedergang

Hochmut kommt vor dem Fall.

Niedergang von Roman Graf

von Nicole Kutzner

Ein gemeinsamer Urlaub
Andrés und Louises Urlaub sollte weniger ein typisch romantischer Pärchenurlaub werden, sondern vielmehr ein Abenteuerurlaub, in dem gewandert und geklettert werden sollte. Auch wenn André gerne vorgibt, dass sie den Urlaub zusammen geplant hätten, war allein er die treibende Kraft dieser Unternehmung. Und so beginnt die fünftägige Wandertour, wie sie beginnen musste. Während André es kaum abwarten kann, seinen Plan in die Tat umzusetzen, nutzt Louise jede Gelegenheit, um den bevorstehenden Aufstieg hinauszuzögern.
Daher ist es auch nicht das schlechte Wetter, das für die immer größer werdende räumliche und physische Trennung zwischen den beiden Protagonisten während der Wanderung verantwortlich ist, sondern die zunehmende Unzufriedenheit der beiden.

Ein prägendes Abenteuer
André, der Protagonist von Roman Grafs Niedergang, ist eine ambivalente Figur, die im besten Fall ein wenig Mitleid hervorruft und im schlimmsten Fall einfach nur Antipathie. Einerseits rühmt er sich damit, dass er als Schweizer per definitionem das Klettern im Blut hätte, andererseits wird ihm schnell klar, dass sein Plan die tatsächlichen Gegebenheiten nicht ansatzweise berücksichtigt. Dem Leser wird wiederum schnell klar, dass seine Wandererfahrungen lediglich auf Pfadfindercamps aus Kindheitstagen beruhen und seine Klettererfahrungen auf ein paar Stunden in der Kletterhalle beschränkt sind. Um so überraschender mag man die kurzen Lichtblicke finden, in denen André seine schlechte Planung erkennt. So stellt er beispielsweise fest, dass die Übungswanderungen rund um Berlin und Mecklenburg wohl doch nicht die geeignete Vorbereitung für eine Bergwanderung waren. Ihm scheint auch durchaus bewusst zu sein, dass Louise, die eigentlich Friederike heisst, aufgrund ihrer Erziehung in einem kleinen mecklenburgischen Dorf, Problemen eher mit Sabotage als mit einem klärenden Gespräch entgegentritt.
Doch eigentlich hat André auch kein Interesse daran, Louise die Umstände zu erleichtern. Und so lässt er sie mit einem Rucksack durch die Berge wandern, der so schwer ist, dass er ihr auf den Rücken gesetzt werden muss und Louise unter dem Gewicht vornübergebeugt geht. Denn eigentlich geht es bei der Wanderung nur um André. Darum, seinen Plan zu verwirklichen, das Gefühl unerschöpflicher Kraft zu spüren, „den Weg (zu) gehen, der ihm bestimmt war“. Darum, um jeden Preis ein prägendes Abenteuer zu erleben.

Nebel
Einerseits macht es Spaß Roman Grafs Niedergang zu lesen. Genauso schnell wie die Hauptfigur seinen Rhythmus beim Wandern findet, findet der Leser Dank der sprachlichen Dynamik sein Tempo beim Lesen und noch Wochen später flackern die Bilder der Wanderung immer mal wieder vor dem inneren Auge auf.
Andererseits werden die Beweggründe der Figuren weitestgehend unerwähnt gelassen, so dass Niedergang nicht als psychologischer Roman bezeichnet werden kann. Man vermisst tiefergehende Beschreibungen wie z.B. bei Jonas in Thomas Glavinics Das größere Wunder oder Cleaver in Tim Parks’ Stille. Ähnlich wie die Figuren von Graf aufgrund der schlechten Wetterbedingungen den Aufstieg im Nebel bewältigen müssen, muss sich der Leser während der Lektüre das Innenleben der Figuren zusammen konstruieren. Zu guter letzt schlägt man das Buch mit dem Gefühl zu, dass da etwas gefehlt hat.

Roman Graf: Niedergang. Albrecht Knaus Verlag. München 2013. 208 Seiten. 9,99 €.

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