Erik Kriek: In the pines. 5 Murder Ballads

Symbiose zwischen Musik und Graphic Novel

Erik Kriek fängt nicht nur den Sound der amerikanischen Murder Ballads ein.

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von Torsten Ehlers

Wie rezensiert man eigentlich eine Graphic Novel, bei der man zwar die Balladen, die verarbeitet wurden, kennt, aber nicht den Sound der Songs? Gut, dass es in diesem Fall von Erik Krieks In the pines. 5 Murder Ballads eine CD dazu gibt. Also ab mit der CD in den CD-Player, den Sound in sich aufnehmen und losschreiben. Kurzes Innehalten bei Where the Wild Roses Grow. Das kennt man doch von Nick Cave und Kylie Minogue und nicht von The Blue Grass Boogiemen. Beide Versionen haben aber ihre Daseinsberechtigung. Nick Cave und Kylie Minogue fangen den düsteren Sound ein und bei den Blue Grass Boogiemen bekommt man den Südstaatenflair und die Atmosphäre der USA auf die Ohren, denn irgendwie sollte bei einer Mörderballade, die in den Südstaaten spielt, auch das Banjo dabei sein. Ein wirklich spannendes Projekt, dem sich Erik Kriek hier angenommen hat. Eigentlich hat er nichts anderes gemacht, als die Geschichten, die die Songs erzählen, graphisch aufzuarbeiten und noch mal zu erzählen. Sprich: Er hat Musik zum Anschauen und Nachlesen produziert.

Südstaatenatmosphäre à la Mark Twain

Ob er nun die bekanntesten Murder Ballads verarbeitet hat, ist vollkommen egal. Erik Kriek hat sich jedenfalls fünf dieser Balladen geschnappt, und sie in ein neues Medium verpackt. Viele davon kennt man schon. Zwei von Dreien kommen einem nicht unbekannt vor, aber sie entsprechen dem, was man sich von einer Ballade, die den Beinamen Mörder zu Recht trägt, erwartet. Es handelt von Moral, Ethik, Verrat, Liebe und natürlich Mord. Immer bekommt man das Gefühl, dass man sich in einer Welt befindet, die von Mark Twain erzählt worden ist, und Huckleberry Finn oder auch Tom Sawyer einem gleich über den Weg laufen. Überall scheint es nach selbstgebranntem Bourbon zu duften, und auch das Thema Sklaverei schwingt unterschwellig mit. Eigentlich braucht es die Musik auf der CD fast gar nicht, denn Kriek kreiert mit seiner Farbwahl, in der Regel ist es schwarz und weiß plus eine weitere Farbe, eine Atmosphäre, die all das Unheimliche, Fragwürdige und auch Tragische dieser Balladen einfängt. Die Musik ist da nur der Punkt auf dem i. Dennoch hilft einem der Sound dieser Country-, Folk- oder auch Blues-Balladen diese Geschichten noch einmal neu zu entdecken.

Erik Kriek beweist mit In the pines 5 Murder Ballads, dass er ein unglaubliches Gespür für diese Geschichten hat. Mit wenig Farbe schafft er es, den Kern der Balladen zu treffen. Geht es hochemotional aufgrund einer tragischen Liebesgeschichte zu, trifft er mit einem Rot-Ton genau den richtigen Farbton, um dieser Geschichte die passende Atmosphäre zu geben. In einer anderen Geschichte etwa wählt er einen Blau-Ton, um das kaltblütige, das vielleicht erst zum Schluss der Geschichte zum Vorschein tritt, einzufangen. Sicherlich bietet Kriek hier keine neuen Erzählungen an, obwohl die „Wild Rose“ bei ihm kein Opfer mehr ist, sondern zur Femme fatale mutiert. Aber bei all den anderen Geschichten hält er sich an die Vorgaben durch die Musik. Er muss ja auch gar nicht immer etwas Neues erzählen, denn er transportiert hier eine Erzählung aus der Musik in ein neues Medium. Furchterregend schön ist dabei, dass er, man erlaube mir dieses Wortspiel, jeden Ton trifft.

Erik Kriek: In the pines. 5 Murder Ballads. Avant Verlag. Berlin 2016. 136 Seiten. 24,95 €.

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