Nico Rost: Goethe in Dachau

Gegen Flecktyphus kann auch Goethe nicht helfen

…und dennoch zeugt Nico Rosts KZ-Tagebuch davon, wie die Liebe zur Literatur dem Tode trotzt.

Goethe in Dachau

von Stephan Lesker

Im Konzentrationslager Dachau geht das Gerücht um, dass Goethe verhaftet worden sei, weil er sich in einer Schrift negativ über die Theorien von Hans Günther (besser bekannt als „Rassengünther“) geäußert habe. Allerdings wird er wohl freikommen, denn Hans Carossa setzt sich bei Goebbels für ihn ein. Schiller hat es da schon schwerer. Er wird von den Blockältesten gehasst, weil er sich für seine Mitgefangenen einsetzt.
Was hier als interessantes Gedankenspiel daherkommt, hatte für Nico Rost existenzielle Bedeutung. Es war eine Möglichkeit, die Gedanken an die ihn umgebenden Gräuel und an den Tod für ein paar Stunden zu verdrängen.
Nico Rost hatte Glück, obwohl sich diese Formulierung angesichts des Grauens eigentlich verbietet. Er kam wegen eines Abszesses am Bein ins Krankenrevier des Lagers und hatte Zugang zur Literatur aus der Lagerbibliothek. Sie sollte ihm das Leben retten.

Vom 10. Juni 1944 bis zur Befreiung am 29. April 1945 war der im niederländischen Widerstand engagierte Rost in Dachau inhaftiert. Seine Zeit im Lager war geprägt von Angst, Leid, Tod, aber auch von Literatur, die ihm einerseits Trost und Ablenkung war, andererseits aber auch viel über die damalige Zeit aussagen konnte.
Das hervorstechendste Strukturmerkmal von Rosts Tagebuch ist die Übertragung von Texten und Zitaten berühmter Schriftsteller und Philosophen auf die NS-Zeit. Vieles, was sie gesagt haben, wirkt so, als wäre es genau dafür formuliert worden. Als Beweis führt Rost u. a. Heinrich von Kleists Lehrbuch der französischen Journalistik an. Damit dieser Text in die NS-Zeit passt, sind nur geringste Änderungen nötig, die lediglich in der Ersetzung des Wortes „französisch“ durch das Wort „Nazi“ und dem Austausch der von Kleist erwähnten historischen Persönlichkeiten (Talleyrand wird bspw. zu Goebbels) bestehen. Die Inhalte bleiben unberührt, womit deutlich wird, dass Kleists Polemik gegen propagandistische Tendenzen in der Pressearbeit auch auf die Praktiken der NS-Presse passt. Rost beweist damit einem seiner Mitgefangenen, der ihm vorwarf, Klassiker zu lesen, die doch veraltet seien, dass Literatur den Menschen immer etwas zu sagen haben wird und niemals veraltet.
Den besten Beweis dafür liefert Rost allerdings selbst, denn er verdankt der Literatur sein Überleben. Die Lektüre der Klassiker, u. a. liest Rost im Lager erneut Goethes Egmont, ist ihm Hilfe und Stärkung in einer Zeit, in welcher er beides zum Überleben dringend benötigte. Nun mündet dieses Lob der Lektüre allerdings keinesfalls in Eskapismus und in Abschottung von der Wirklichkeit. Die Geschehnisse um ihn herum, der Tod von Freunden, die Gefahren für das eigene Leben sind zu erdrückend, als das man sie durch Lektüre vergessen könnte.
So erkennt man dann die für Rost kritischsten Phasen daran, dass er nichts über seine Lektüre schreibt. Als das Gerücht umgeht, er sei wegen angeblicher Vorbereitung eines Aufstandes denunziert worden und er die Hinrichtung fürchten muss, ist er sieben Tage (vom 15. bis zum 21. Dezember 1944) nicht in der Lage zu lesen oder detaillierte Aufzeichnungen zu machen. Die Angst lähmte seine Gedanken.

Wäre Rosts Tagebuch, dass er teilweise auf der Rückseite von Krankenblättern und Fieberkurven führte, von der SS entdeckt worden, hätte dies seinen Tod bedeuten können. Das Schreiben im Lager hatte einen janusköpfigen Charakter: Einerseits bewahrten seine Aufzeichnungen Rost davor, seinen Lebenswillen zu verlieren. Andererseits setzte er sich mit diesen Aufzeichnungen ganz bewusst der Todesgefahr aus. Die Beschäftigung mit Literatur und das Nachdenken über sie ermöglichten es ihm jedoch, für einige Augenblicke Tod, Leid und Grausamkeit in die hinterste Kammer seiner Gedanken zu verdrängen. Jeder dieser Momente brachte ihn dem Überleben näher, denn wenn man zulasse, dass der Tod die Gedanken beherrscht, werde man ihm in Dachau zum Opfer fallen.
Rost berichtet nicht nur von den Gräueln des Lagers, er liefert auch eine Darstellung der Möglichkeiten und Grenzen der für ihn unschätzbaren Literatur. Die Lektüre ist für ihn von immenser Wichtigkeit und bewahrt ihn vor unerträglichen psychischen Leiden. Und so muss er dann beinahe enttäuscht und überrascht feststellen, dass sie gegen Flecktyphus leider machtlos ist. Was hier nach einer humoristischen Anmerkung Rosts klingt, war bitterster Ernst. Denn täglich musste er zusehen, wie seine Freunde an Krankheit, Gewalt oder Mangelernährung starben. Der psychischen Grausamkeit konnte man durch die Beschäftigung mit Literatur zeitweise entfliehen. Vor physischen Gefährdungen bot sie keinen Schutz. Dass Rost überlebt hat, ist also nicht nur der Literatur zu verdanken, sondern auch einem Glück geschuldet, dass Millionen andere nicht hatten. Nicht zuletzt davon zeugen seine Aufzeichnungen.

Nico Rost: Goethe in Dachau (hg. von Wilfried F. Schoeller). Berlin: Volk und Welt. 1999. 434 Seiten. Nur noch antiquarisch erhältlich.

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