Lukas Bärfuss: Hagard

Zwischen Normalität und Wahnsinn.

Lukas Bärfuss erzählt vom psychischen Verfall eines Menschen.

Bärfuss Hagard

von Torsten Ehlers

Dass ein guter Roman nicht unbedingt ein dicker Roman sein muss, beweist Lukas Bärfuss mit Hagard. Doch was für eine Bedeutung hat Hagard eigentlich? Was dieses Wort oder auch dieser Begriff sein kann, dafür gibt es verschiedene Optionen. Das deutsche Jagdlexikon zum Beispiel sagt dazu nur, dass es kein junger Beizvogel mehr ist, sondern schon dem Erwachsenenalter entspricht. Schaut man in ein englisches Wörterbuch, steht da als deutsche Übersetzung „verhärmt“. In einem französischen Wörterbuch steht „verstört“, es kann aber auch „scheu“, „wild“ und „störrisch“ bedeuten. Sogar die Schreibweise variiert. Im Englischen wird Hagard mit einem Doppel g geschrieben, also haggard. Klingt fast ein bisschen nach dem Lehrer aus Hogwarts Hagrid. Eines ist jedenfalls klar, dass die Bedeutung oder auch die Übersetzungen dieses Wortes oder auch Begriffes schwer nachzuvollziehen und nicht einfach zu ergründen sind. Der Protagonist in Bärfuss‘ Roman entspricht exakt diesem Typus. Genau genommen könnten die beiden Hauptcharaktere „Hagards“ sein, denn beide sind schwer zu fassen und nicht immer nachzuvollziehen.

Philip, so der Name des Protagonisten, ist eigentlich Immobilienmakler und ein ganz normaler Mensch. Er hat weder zu viel noch zu wenig Geld. Von seinem Auskommen kann er gut leben und sich häufig auch mal etwas gönnen. Psychisch macht er auch einen stabilen Eindruck. Doch alles ändert sich innerhalb von ziemlich genau zwei Tagen. Es geht um eine Immobilie, die Philip gerne kaufen möchte. Für diesen Deal will er sich mit dem Verkäufer in einer Mall treffen. Doch dieser ist unpünktlich und so kann Philip seine Gedanken schweifen lassen und auch seine Blicke. Plötzlich taucht in seinem Blickfeld eine Frau auf. Eigentlich zunächst gänzlich uninteressant, aber genau das macht sie wiederrum interessant für Philip. Er bemerkt kaum, wie diese Frau ihn in ihren Bann zieht. Sie selbst ahnt natürlich nichts davon, was sie in Philip auslöst und auch Philip kann die Konsequenzen noch nicht vorhersehen, denn er belässt es nicht beim Beobachten, sondern beginnt die Frau zu verfolgen. Seine Psyche und sein Äußeres verfallen dabei zusehends. Sogar das Leben Philips steht auf dem Spiel, weil er sehr nahe am körperlichen und seelischen Abgrund wandelt. Ja, er driftet zunehmend in den Wahnsinn ab.

Verfall einer fest im Leben verankerten Person

Was mit einer Person passieren kann, die sich an ein vermeintlich unerreichbares Ziel heftet, hat Friedrich Dürrenmatt in seinem Roman Das Versprechen bereits aufgezeigt. Der Inspektor Matthäi verfällt in diesem Fall auch. Allerdings nur psychisch nicht optisch, weil er getrieben davon ist, den Mörder zu fangen. Bärfuss hat einen etwas anderen Ansatz. Er beschreibt, wie Philips Inneres und Äußeres zerfällt, als er dieser Frau nachjagt. Der körperliche Verfall ist meist den Umständen geschuldet, dass er der Frau nicht hinterherkommt, ohne aufzufallen. Dabei verliert er zum Beispiel einen Schuh oder seine Kleidung wird schmutzig. Den Verlust des Schuhs kann Philip aber kompensieren, indem er sich in einem Geschäft ein paar Häschenhausschuhe stiehlt. Er muss sie stehlen, weil er sonst sein Ziel aus den Augen verliert. Hier überschreitet er die Grenze der Legalität, die er sogar noch nachvollziehen kann. Erst mit dem Verlust seiner Geldbörse verliert er auch seinen Sinn für Erlaubtes und Unerlaubtes. Als er sich einen Kaffee kauft, droht sein Ziel erneut zu verschwinden. Damit dies nicht passiert, lässt er seine Geldbörse zurück und springt in die Bahn, in der zuvor sein Stalkingopfer eingestiegen ist. Hier verliert er nun jedweden Bezug zu legalen und illegalen Handlungen. Die simpelste ist und sei hier als ein Beispiel erwähnt, dass er schwarz fährt und versucht sich den Kontrolleuren zu entziehen. Sein Bezug zur Realität verschwimmt mit dem Verlust seines Portemonnaies und seiner Identität. Er weiß gar nicht mehr, wo und wer er ist. Hat nur noch sein Ziel vor Augen. Hier baut Bärfuss dann einen interessanten Kniff ein. Der Autor lässt hier Nachrichten laufen, die zeigen, dass es die Realität noch gibt. Ein abgestürztes Flugzeug, die Besetzung der Krim usw. sind unter anderem auch Zeugen für den Leser, wann dieses Buch entstanden ist. Damit deutet Bärfuss auch die Allgegenwärtigkeit dieses Problems von Philip an und dass es uns allen so ergehen könnte. Die Realität hat für Philip jedoch keine Bedeutung mehr und er jagt nur noch seinem Traum von einem Ziel hinterher und begibt sich nun endgültig in die Kriminalität, indem er bei seinem Ziel einbricht. Doch was er dort sieht und wie die Konsequenzen für ihn sind, kann ihm nicht gefallen.

Lukas Bärfuss‘ Hagard ist ein wunderbares Zeugnis davon, dass wir alle nicht davor gefeit sind in den Wahnsinn abzurutschen. Der Grat ist schmal zwischen Normalität und Wahnsinn. Seine Beschreibungen vom Verfall eines Menschen sind nicht neu. Hans Fallada (Wolf unter Wölfen, Der Trinker) wäre hier zu nennen und auch der bereits angesprochene Friedrich Dürrenmatt. Die Besonderheit hierbei ist nur, dass bei den beiden Letztgenannten besondere Umstände zum Tragen kamen. Bei Fallada der Alkohol und die besonderen Umstände in der Zeit der Weimarer Republik, bei Dürrenmatt ein gegebenes Versprechen, welches sich nicht mehr einhalten lässt. Bärfuss‘ Roman setzt hier nun in einer Alltäglichkeit an, bei der der Mensch in den Wahnsinn verfällt. Er beschreibt diesen Prozess nicht als schleichend sondern ziemlich schnell stattfindend, gerade einmal innerhalb zweier Tage. Da haben die Protagonisten bei Fallada und Dürrenmatt ein ganzes Leben für gebraucht. Genau diese Alltäglichkeit, die der Hagard-Autor beschreibt, lässt den Leser doch sehr verstörend zurück. Ein ungutes Gefühl nach dieser Lektüre wird wohl jeder haben und wenn er anfängt darüber nachzudenken, in welchen Situationen er vielleicht schon fast dem Wahnsinn anheimgefallen wäre…
Lieber nicht darüber nachdenken und Lukas Bärfuss‘ Hagard lesen. Lesen ist doch das Normalste der Welt, oder?

Lukas Bärfuss: Hagard. Wallstein Verlag. Göttingen 2017. 174 Seiten. 19,90 €.

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