Phillip P. Peterson: Paradox

Was erwartet uns am Ende unseres Universums?

Phillip P. Peterson entglorifiziert den Astronautenberuf.

Peterson Paradox

von Torsten Ehlers

Die Science-Fiction-Literatur hat sich schon immer auf die Suche danach begeben, ob es außer uns noch weiteres Leben im All gibt. Dabei wirft sie immer wieder interessante Thesen und auch Fragen in den Raum. Sind wir gar nicht allein? Werden wir von einer außerirdischen Macht überwacht? Basiert dieses Leben auf einer ähnlichen körperlichen Konstitution wie das der Menschen oder sind unsere Vorstellungen komplett falsch? Atmen diese Wesen vielleicht Helium wie wir den lebenswichtigen Sauerstoff? Längst untersuchen die NASA, ESA und all die anderen Raumfahrtinstitutionen unser Universum nach Leben. Das bietet jede Menge Stoff und Raum für Spekulationen, die von Menschen wie Phillip P. Peterson, einem ehemaligen Ingenieur für Satellitenprogramme, aufgegriffen werden und uns Romane wie Paradox zum Lesen und Nachdenken darbieten.

Im Mittelpunkt von Petersons Roman stehen in erster Linie der NASA Pilot Ed Walker, der es nicht verwinden kann, dass seine letzte Mission beinahe seine ganze Crew umgebracht hat und bei der die ISS komplett unbrauchbar gemacht wurde. Der zweite Hauptcharakter ist David Holmes, ein Wissenschaftsnerd par excellence. Er untersucht das Universum und möchte verstehen, wie es sich zusammensetzt. Dabei ist er auf Messungen von Raumsonden angewiesen, die allerdings mehr oder weniger im gleichen Abstand zur Erde verschwinden und keine weiteren Ergebnisse mehr anbieten können. Davids Vermutung ist, dass dies kein Zufall sei und so starten die beiden mit zwei Astronautinnen und einem Raumschiff, welches mit Antimaterie betrieben wird, zum Rand unseres Universums. Was sie dort als Antwort auf all die bereits formulierten Fragen bekommen, lässt nur noch eine letzte Frage zu: Sind wir wirklich vorbereitet auf die Wahrheit?

Faktenwissen gepaart mit spannender Unterhaltung

Die Handlung in Petersons Roman Paradox ist definitiv spannend, aber wer erwartet, Schlachten, wie man sie aus Star Wars, Star Trek und so weiter kennt, zu erleben, wird hier nicht auf seine Kosten kommen. Spannend ist das Zusammenspiel der vier Charaktere, die auf diese Mission gehen, weil sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Von Draufgänger bis Nerd decken die vier das gesamte Persönlichkeitsspektrum ab. Spannung bietet aber auch der wissenschaftliche Hintergrund des Romans, den Peterson mit einfließen lässt. Dabei beschränkt sich der Autor keineswegs nur auf Theorien über Strings, kleinen Schleifen, aus denen unser Universum besteht. Er greift auch auf philosophische Fragen zurück, die sich damit beschäftigen, ob der Mensch, der die Erde nur ausbeutet, sich wirklich auf das Universum ausbreiten sollte. Ein anderer aber nicht minder spannender Abschnitt ist der, in dem David seine Mitreisenden über das Fermi Paradox aufklärt. Diese Theorie stellt in Frage, ob es außer uns Menschen, überhaupt noch weiteres intelligentes Leben geben kann. Denn, wenn es diese Außerirdischen geben sollte, warum sind sie dann nicht hier bzw. haben wir Spuren von ihnen wahrgenommen? Das Fermi Paradoxon gilt mittlerweile als veraltet und die Wissenschaft hat es bereits widerlegt, aber es untermauert nur den Hintergrund, den Peterson mitbringt. Eine Theorie konnte aber noch nicht entkräftet werden. Nämlich die des Physikers Freeman Dyson, der in einer seiner Schriften darüber spekuliert, ob höher entwickelte und intelligente Lebewesen Sterne und Planeten mit einer künstlich geschaffenen Atmosphäre umgeben, um eine maximale Energiegewinnung aus diesem System zu ziehen. Das Ganze erinnert stark an die Filmreihe Matrix, die einen ähnlichen Ansatz verfolgt. All die hier aufgezählten Theorien, Konstrukte und Thesen sind längst noch nicht alle, die Peterson in diesem Roman zur Unterfütterung des wissenschaftlichen Backgrounds verarbeitet.

Traumberuf Astronaut?

Fast nebenbei hat der Roman Paradox auch noch eine weitere interessante Botschaft. Für viele Menschen ist der Beruf Astronaut ein Traumberuf und er erfährt eine gewisse Glorifizierung durch die Hollywood-Blockbuster wie zum Beispiel Armageddon oder auch Deep Impact. Hier sind die Astronauten Helden, die die Erde vor der Zerstörung retten. Dass dies nicht ganz der Realität entspricht, sollte eigentlich jedem klar sein. Dennoch gibt es diese Glorifizierung, die besagt, dass die Astronauten nur spannende Aufgaben haben. Der Alltag hingegen sieht anders aus. In der Regel muss ein Astronaut improvisieren und sein Schiff warten und reparieren. Dies macht er meist auch mit dem auf der Erde vorkommenden simplen Klebestreifen oder auch Panzertape. Ebenfalls entspricht es nicht unserer Vorstellung, dass es selbst beim Toilettengang im All keine wirkliche Privatsphäre für die Astronauten gibt. Getrennt sind sie bei ihrer Notdurft lediglich durch einen simplen Vorhang von ihren Kollegen. Auch das Warten auf den bevorstehenden Start ins All dient der Entglorifizierung des Astronautenberufs. Dieser dauert mitunter Stunden, in dieser Zeit können sie nicht auf die Toilette. Da kann es schon mal passieren, dass ein Astronaut im Anzug in eine Windel uriniert, wenn er denn daran gedacht hat, sich eine anzuziehen.

Phillip P. Peterson hat mit Paradox einen spannenden Roman geschrieben, der eventuell aufkommende Längen in der Handlung mit kurzen Abrissen über wissenschaftliche Theorien aus dem Bereich der Wissenschaft, wie etwa der Physik oder der Philosophie, überbrückt. Der Autor findet einen sehr guten Mix zwischen fundiertem Hintergrundwissen und Spannungselementen aus dem Bereich der Unterhaltung. Außerdem wagt Peterson einen Blick in die Zukunft der Antriebstechnik für Raketen und wohin der Mensch in Zukunft im Zusammenhang mit dem Weltraum seinen Fokus setzen könnte. Dabei lässt er aber die bestehenden Probleme auf der Erde sowie den banalen Alltag eines Astronauten nicht unberücksichtigt. Wer einen spannenden Science-Fiction-Roman mit fundiertem Wissen rund um das Thema Weltall lesen möchte, kann hier ohne Probleme zugreifen und sich bestimmt gut unterhalten fühlen. Vielleicht lernt er am Ende noch etwas. Vielleicht bleibt er aber auch mit einem mulmigen Gefühl zurück und fragt sich: Sind wir wirklich allein?

Phillip P. Peterson: Paradox. Am Abgrund der Ewigkeit. Bastei Lübbe. Köln 2015. 478 Seiten. 9,99 €.

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