Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

Ein Stück heile Welt im Westerwald

Ein sensibler Roman, der verschiedenste Charaktere unter einen Hut bringt.

Leky Was man von hier aus sehen kann

von Torsten Ehlers

Schon mal ein Okapi gesehen? Es sieht wunderschön aus und wirkt wie ein Hybrid, welcher die Äußerlichkeiten einer Giraffe und eines Zebras in sich zu vereinen scheint. Nun gut, Schönheit liegt wohl doch im Auge des Betrachters. Aber eigentlich verkörpert ein Okapi nichts, was sich in einem Tier zusammenfassen ließe. Es könnte eine Unwahrscheinlichkeit der Natur sein. Da sind sich die Protagonisten in Mariana Lekys Roman Was man von hier aus sehen kann einig. Diese Menschen leben im Westerwald und lassen nicht genug Welt in ihr Leben. Sie werfen sich diese Weltfremdheit auch vor. Zumindest tut dies einer der Protagonisten, in dem er es allen anderen vorhält. Bei so viel „weltfremdeln“ ist es doch nur logisch, dass sie ein Okapi für eine Unwahrscheinlichkeit der Natur halten müssen. Doch was hat dieses Wesen mit einem bevorstehenden Tod zu tun?
Ganz einfach: Selma ist Luises Großmutter. Luise ist die eigentliche Protagonistin, um die sich in diesem Roman alle drehen und kreisen. Doch den Fixpunkt für die Story stellt hier die Großmutter dar. Denn träumt diese von einem Okapi auf einer Wiese, bedeutet dies für alle anderen Bewohner des Ortes, dass innerhalb der nächsten zwei Tage jemand stirbt. Vor den Tücken des Lebens wie Unfällen oder Missgeschicken haben sie nur Angst, wenn sie wissen, dass Selma von einem Okapi träumt. Selbst das Alter schreckt sie nur, wenn Selma von einem Okapi träumt. Keiner ist davor gefeit, egal ob Jung oder Alt. Wird Selma am Ende gar ihren eigenen Tod von diesem Okapi-Orakel vorher gesagt bekommen?

Liebenswerte schrullige Figuren mit Humor

Es kommt gar nicht auf die Glaubwürdigkeit des Romans an. Die erzählte Geschichte ist zwar schön, aber auch sie ist nicht der Hauptgrund, weshalb man diesen Roman lesen sollte. Vielmehr ist es das Zusammenspiel dieser schrulligen Figuren, die nicht nur sehr unterschiedliche Charaktere haben, sondern auch optisch nicht unterschiedlicher sein könnten.
Selma zum Beispiel: Alle Figuren scheinen sich zu fragen, wem sie ähnlich sieht. Der entscheidende Hinweis kommt dann von Luise selbst: Rudi Carell. Sie sieht aus wie dieser holländische Entertainer, den selbst die Bewohner des Dorfes zu kennen scheinen. Dies erweist sich als Running Gag. Plötzlich können es auch die Romanfiguren nicht mehr übersehen.
Luise hat es mit ihrer Familie und Freunden nicht einfach. Ihr bester Freund stirbt bei einem Zugunglück. Luise verarbeitet diesen Verlust nur sehr schwer und immer wieder taucht dieser Freund in Flashbacks auf. Erst mithilfe eines offenbar verirrten buddhistischen Mönches kann sie sich diesem Verlust stellen und ihn verarbeiten. Ein weiterer liebenswerter Charakter ist der des Apothekers. Er hilft Selma in allen Notlagen, aber auch für Luise ist er immer da. Sein Problem ist allerdings, dass er in Selma verliebt ist, aber sich nicht traut, es ihr zu sagen. Gefühlte hundert Anläufe nimmt er, um sich ihr mitzuteilen, aber bis zuletzt, verlässt ihn im letzten Moment der Mut. Erst als ein weiterer nahender Tod droht, fasst er all seinen Mut zusammen. Offenbar der richtige Moment wie beide finden.
Selmas Sohn scheint allerdings in eine Midlife-Crisis zu geraten. Er ist im Prinzip nur per Telefon anwesend und ständig auf Reisen. Taucht er doch mal zu Hause auf, dann nur um zu berichten, wie toll die Welt ist oder dass er ein wahrhaftiges Okapi gesehen hat. Von solchen surrealen und unrealistischen Figuren gibt es sehr viele in Mariana Lekys Roman zu entdecken. Man kann sie gar nicht alle aufzählen. Das Schöne daran ist aber auch, dass sie trotz ihrer Schrullen und Merkwürdigkeiten dennoch eine homogene Einheit bilden, ohne dass das Ganze konstruiert wirkt.

Mariana Leky hat hier einen kitschigen Roman vorgelegt, der es durchaus vermag mit dem Kitsch zu spielen. Dieses Werk hegt aber auch keinerlei Anspruch auf irgendeine intellektuelle Ambition, sondern ist vielmehr ein tolles Konstrukt, welches wunderbar unterhält. Klar, ließe sich hier und da die Sprache bemängeln, die bisweilen etwas holprig wirkt, aber dem Schönen des Romans keinen Abbruch tut, sondern lediglich für kleinere Störungen im Lesefluss sorgt. Auch manche Wesenszüge der Figuren passen scheinbar nicht in diese heile Welt. Eine der Figuren ist sich sicher, dass ein Gewehr auch benutzt werden muss, wenn man es schon mal am Manne hat. Dies scheint in diese märchenhafte Welt nicht hineinzupassen und vermittelt auch etwas Derbes, worüber man beim Lesen aber vielleicht gern hinweg schauen kann oder darüber nachdenkt, weswegen dies so ist. Doch alles in allem lässt sich dieses Werk wohl nur mit dem Ausdruck „lustig und schön verrückt mit einem Schuss Romantik“ zusammenfassen. Wer also mal eine schöne Geschichte lesen möchte, macht hier garantiert nichts verkehrt.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. Dumont Verlag. Köln 2017. 320 Seiten. 20,00 €.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s