Annette Mingels: Was alles war

Familie kann man sich nicht aussuchen! Oder doch?

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von Nicole Kutzner

Was macht Familie aus?

Irgendwann ist in einer Beziehung der Punkt erreicht, an dem sich beide Partner darüber Gedanken machen, ob sie gemeinsam Kinder haben möchten. Oder ob sie überhaupt Kinder haben möchten. Aber sobald sich beide dafür entschieden haben, fängt das Problem vielleicht erst an. Damit meine ich nicht die langen Nächte, die man sich um die Ohren schlagen muss, während Windeln gewechselt und Fläschchen gegeben werden müssen. Das Problem kann schon viel früher entstehen. Beispielsweise wenn einer der beiden Partner keine Kinder bekommen kann. Einige ziehen dann eine Adoption in Erwägung, für andere wäre dies wiederum unvorstellbar, da sie das Kind eventuell nicht als ihres betrachten könnten.
Aber was macht eigentlich eine Familie aus und wann kann ich ein Kind als mein eigenes betrachten? Um die Frage, was eigentlich eine Familie ausmacht und was sie in ihrem Innersten zusammenhält, geht es in Annette Mingels Roman Was alles war.

Wer bin ich und wo komme ich her?

Susa, die Protagonistin in Annette Mingels Roman, ist bei Adoptiveltern aufgewachsen. An ihre biologische Mutter kann sie sich nicht erinnern. Eigentlich wäre es auch nicht wichtig zu wissen, wer sie auf die Welt gebracht hat. Wer ihr leiblicher Vater und ihre leibliche Mutter sind, denn bessere Adoptiveltern hätte sie sich kaum wünschen können. Und kann sie diese Menschen, die sie gezeugt haben, überhaupt als Mutter und Vater bezeichnen? Und was würden ihre Adoptiveltern dazu sagen?
Auch wenn diese Fragen und die Neugier nach ihrer Herkunft schon immer irgendwo in Susas Innerem gelauert haben, wurden sie doch erst wichtig, als sich Viola meldet. Viola hat sie zur Welt gebracht. Sie ist Schauspielerin, lebt in Indien und nennt Susa Alina. Sie treffen sich schließlich, ohne dass Susa ihren Adoptiveltern davon erzählt. Erst viel später, als sie schon zwei ihrer Halbgeschwister kennengelernt hat, erzählt sie ihnen von Viola.
Und dann ist da noch Henryk, Witwer und Vater von zwei Mädchen, mit dem sich Susa durchaus eine Beziehung vorstellen kann.

Was alles war

Aber so richtig kann sich Susa nicht auf ihre biologische Mutter einlassen. Zu unbeständig ist sie und immer unterwegs. Heute Lateinamerika, morgen wieder Indien. Dann erkrankt auch noch ihr Adoptivvater. Währenddessen erinnert sich Susa an die vielen gemeinsamen Momente mit ihm. An ihre Schulzeit, Ferienfreizeit oder wie er alle drei Wochen nach München zu einem türkischen Barbier gefahren ist. Irgendwann wird Susa klar, dass es kein Verrat an ihren Adoptiveltern ist, sich mit ihrer biologischen Mutter zu treffen oder nach ihrem leiblichen Vater zu suchen. Denn all das ändert nichts an ihrer gemeinsamen Geschichte, es ändert nichts daran, was alles war.

Völlig undramatisch, dafür aber umso eindringlicher erzählt Annette Mingels in Was alles war über die Familie. Besser gesagt über Familienmodelle. Vorsichtig tastet sie sich an die Alltagsdinge und -probleme heran; Liebe, Karriere, Kinder. Und gerade, weil sie so realistisch dargestellt werden, schlagen sie beim Lesen umso heftiger ein. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass ihre Figuren kaum einer Charakterisierung bedürfen, fast schemenhaft bleiben und man möchte Annette Mingels fast dafür danken, dass so ein psychisch belastendes Thema wie der Tod, im zweiten Abschnitt „Verlieren“, mit zunehmender Krankheit des Vaters immer notizhafter beschrieben wird. Die restlichen Abschnitte hingegen, beginnend mit „Anfangen“ und weiterführend mit „Weitermachen“ und „Finden“, sind im erzählerischen Duktus verfasst und beschreiben überwiegend das Innenleben der Protagonistin. Ein Roman so facettenreich wie das Leben.

Annette Mingels: Was alles war. Albrecht Knaus Verlag. München 2017. 287 Seiten. 19,99 .

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