Jahresrückblick: Unsere Lieblinge des Jahres 2017

2018 ist jetzt eine Woche alt und hat uns heute endlich ausreichend Sonnenschein gegönnt. Wunderbar, um bei einem Spaziergang die Batterien aufzuladen. Das schaffen natürlich auch Bücher. Deshalb schauen wir noch einmal zurück auf das Jahr 2017 und die Bücher, die uns den Luxus der Entspannung und Unterhaltung geboten haben.

 

von Stephan Lesker

Devin O. Pendas: Der Auschwitz Prozess

Der Auschwitz-Prozess von Devin O PendasSpannend, aufschlussreich und mit immensem Hintergrundwissen zeichnet Devin O. Pendas die Geschichte der bundesdeutschen Auschwitzprozesse nach. Das umfangreiche Quellenstudium des Autors erhellt nicht nur die Prozesse selbst, sondern gibt auch Aufschluss über das Stimmungsbild der Deutschen in der damals noch jungen und ihrer Vergangenheit wenig bewussten Republik. Mit der Darstellung des Richters Hans Hofmeyer im Frankfurter Prozess sowie der Nachzeichnung der Rivalität zwischen Staatsanwalt Hanns Großmann und dem DDR-Anwalt Friedrich Karl Kaul sind Pendas große Porträts gelungen.

Devin O. Pendas: Der Auschwitz Prozess. Völkermord vor Gericht. München: Siedler 2013. 432 Seiten. 24,99 €.

 

Alexander Demandt: Es hätte auch anders kommen können

Demandt_HätteAndersWas wäre gewesen wenn…? Diese Frage beschäftigt uns im Guten wie im Schlechten. Alexander Demandt stellt in seinem Buch einige Wendepunkte deutscher Geschichte vor, indem er erörtert, was passiert wäre, wenn bspw. der Erste Weltkrieg nicht stattgefunden hätte. Er ergeht sich dabei aber nicht in abwegigen Gedankenspielen, sondern konzentriert seine alternativen Geschichtsentwürfe auf diejenigen Episoden, in denen ein abweichender Ausgang möglich war und ein anderer Weg vielleicht sogar wahrscheinlicher schien, als der, den die Historie tatsächlich genommen hat. Man kann Geschichte nur verstehen, indem man auch die Wege auskundschaftet, die sie nicht beschritten hat.

Alexander Demandt: Es hätte auch anders kommen können. Wendepunkte deutscher Geschichte. Berlin: Propyläen 2010. 288 Seiten. 19,95 €.

 

Ernst Augustin: Der Kopf

Augustin_KopfDas Leben nach der Katastrophe – wie sieht es aus, wie geht es weiter? Ernst Augustins Erstling setzt sich genau damit auseinander, aber auf für den Autor typische Weise. Alles spielt sich im Kopf des Erzählers Türmann (welch ein Name) ab. Das bedeutet aber auch, dass sich alles ereignen kann (und ereignen wird), was er denkt. Die Vorstellungskraft kennt keine Grenzen. Paradox ist jedoch, dass auch Türmann von jemandem gedacht werden muss, um zu existieren. Wenn dieser jemand nun aufhört, an ihn zu denken, würden er und die Welt, die er sich vorstellt, spurlos verschwinden.

Augustin erzählt nicht nur von der Katastrophe, er erzählt auch vom Wunder der Fantasie und von der Gefahr, die sie in sich birgt.

Ernst Augustin: Der Kopf. München: C. H. Beck 2016. 528 Seiten. 24,95 €.

 

von Nicole Kutzner

Jodi Picoult: Kleine große Schritte

Kleine grosse Schritte von Jodi PicoultBarack Obama wurde 2009 zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten ernannt und ist damit der erste Afroamerikaner, der dieses Amt innehatte. Natürlich waren vor allem von Seiten der afroamerikanischen Bevölkerung viele Hoffnungen mit diesem Amtsantritt verbunden. Denn seit der Aufhebung der Sklaverei im 19. Jahrhundert und der Rassentrennung im Jahre 1896, kommt es immer noch zur Segregation und Lynchmorden von Afroamerikanern.
In Kleine große Schritte beschreibt Jodi Picoult, wie die erfahrene Säuglingsschwester Ruth aufgrund ihrer Hautfarbe von der Nachsorge eines Neugeborenen abgezogen wird, weil die Eltern des Kindes einer rechtsradikalen Vereinigung angehören. Doch als Ruth wenige Tage später damit betraut wird, kurz auf den Säugling aufzupassen, erleidet dieser einen Anfall. Entgegen ihren Anweisungen versucht Ruth das Leben des Babys zu retten, leider vergeblich. Als Folge dieses Vorfalls wird Ruth gekündigt und muss sich vor Gericht verantworten. Die einzige Möglichkeit einen Freispruch zu erlangen, wäre es zuzugeben, dass sie sich dem Verbot den Säugling anzufassen widersetzt hat, und Wiederbelebungsversuche an ihm vorgenommen hat. Doch was würde dann mit ihr geschehen? Und wie könnte sie Vertrauen zu ihrer weißen Anwältin haben, wenn diese auf gar keinen Fall die Diskriminierung der Afroamerikaner vor Gericht thematisieren möchte?
Basierend auf realen Begebenheiten zeichnet Jodi Picoult ein Bild des amerikanischen Alltags nach, der nach wie vor von Rassendiskrimierung dominiert wird.

Jodi Picoult: Kleine große Schritte. München: C. Bertelsmann Verlag 2017. 577 Seiten. 20,00 €.

 

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern

Grjasnowa_GottSeit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 wird in den Medien und der Literatur, beispielsweise in Jenny Erpenbecks Gehen, Ging, Gegangen, zunehmend die Frage nach der Integration thematisiert. Olga Grjasnowa geht in ihrem Roman Gott ist nicht schüchtern zu dem Ursprung der Flüchtlingskrise zurück. Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass Millionen Menschen ihr Heimatland Syrien verlassen mussten? Hammuodi, einer der drei Protagonisten des Romans, hat sein Medizinstudium in Paris beendet, als ihn sein Weg noch einmal in sein Heimatland Syrien führt. Denn, um die Stelle in einem Pariser Krankenhaus zu bekommen, benötigt er noch einige Papiere. Dort angekommen, muss er feststellen, dass man ihn nicht mehr zu seiner Verlobten nach Paris zurückreisen lässt. Erst Jahre später wird er zusammen mit Amal und Youssef, die ebenfalls aufgrund des Arabischen Frühlings nach Europa fliehen, den europäischen Kontinent ein letztes Mal betreten.
Ein Roman, der sich tief in das Herz bohrt und die Frage zurücklässt, warum Menschen sich einander so schreckliche Dinge antun.

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern. Berlin: Aufbau Verlag 2017. 309 Seiten. 22,00 €.

 

Anne Proulx: Aus hartem Holz

Aus hartem Holz von Annie ProulxAm Beispiel der Familiengeschichten von René Sel und Charles Duquet erzählt Annie Proulx wie es den Menschen in 300 Jahren gelungen ist, die kanadischen Wälder zu zerstören. Das Motiv für diese Zerstörung ist wie so häufig die Gier nach Geld, Macht und Wohlstand. Und so müssen in den nächsten Jahrhunderten zunächst die Bäume in Kanada weichen, um den Wohlstand der Familie Duquet zu begründen und als diese nicht mehr ausreichen bzw. so weit gefällt sind, dass ein Wachstum der Firma nicht mehr gewährleistet werden kann, müssen auch unzählige Bäume Neuseelands ihr Leben lassen. Auch René Sel ist nach Kanada gekommen, um ein besseres Leben zu führen. Allerdings besitzt er nicht genügend Kaltblütigkeit, um sich durchzusetzen und spätestens die Heirat mit einer Indianerin besiegelt das Schicksal seiner Familie über mehrere Generationen hinweg. Als Halbindianer kämpfen sie ständig um ihr Überleben und sind froh, wenn sie wenigstens eine schlecht bezahlte Arbeit und etwas zu Essen bekommen.
Anne Proulx’ Roman ist natürlich ein Familien-Epos, aber vor allem ist er ein Naturroman, der uns mit aller ihm zu Verfügung stehender Kraft zeigt, wie sehr die Menschheit die Natur bereits ausgebeutet hat und es immer noch tut.

Annie Proulx: Aus Hartem Holz. München: Luchterhand Verlag 2017. 885 Seiten. 26,00 €.

 

von Torsten Ehlers

Fatih Akin: Im Clinch. Die Geschichte meiner Filme

Fatih Akin Im ClinchFatih Akin gibt hier einen wunderbaren und interessanten Einblick in den Entstehungsprozess seiner Filme. Auch die Intentionen, warum es diese Filme und sie genauso geworden sind, wie sie nun vorliegen, stellt er in seinem Buch dar. Dabei geht er chronologisch vor und erklärt auch seine Einflüsse, die sich in einem Culture Clash aus Einflüssen seiner Wurzeln (Türkei) und seiner neuen Heimat (Deutschland) begründen. Wer an all diesen Details aber gar nichts finden kann, wird sich an den Anekdoten Akins zur Zusammenarbeit mit den offenbar schwierigsten und dennoch interessantesten Schauspielern erfreuen können. Stellvertretend seien hier der geniale und exzentrische Senol Günes oder aber auch die mittlerweile für ihre Rolle in Game of Thrones bekannte Sibel Kekili genannt.

Fatih Akin: Im Clinch. Die Geschichte meiner Filme. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2011. 256 Seiten. 24,95 €.

 

Jonas Lüscher: Kraft

jonas-luescher-kraftWas  passiert, wenn man einen Geisteswissenschaftler aus seiner vermeintlich heilen Welt herausreißt? Jonas Lüscher zeigt dies in seinem Roman wunderbar auf und er tut es mit einer sehr erschreckenden Konsequenz für seinen fast larmoyanten Hauptprotagonisten. Dieser sucht nach der Begründung, warum alles was ist, gut ist. Mit einer Frau, die sehr fordernd in puncto materieller Dinge ist und einem aufkommenden Neoliberalismus in der Welt, schlägt er sich mehr schlecht als recht durch. Er sucht nach Antworten, die er womöglich nicht finden wird und kann. Ist ein Geisteswissenschaftler, der vom Gemüt her eher ein etwas langlebigeres Lebenskonzept verfolgt, überhaupt in unserer schnelllebigen Welt noch aktuell? Die konsequente Antwort, die dieser Roman gibt, wird nicht allen gefallen.

Jonas Lüscher: Kraft. München: C.H. Beck Verlag 2017. 237 Seiten. 19,95 €.

 

Cormac McCarthy. Die Abendröte im Westen

McCarthy - Die Abendröte im WestenDass die amerikanische Geschichte eine sehr blutige ist, zeigt Cormac McCarthy in diesem Roman. Wer sich nicht vor beschriebener Gewalt und Verstümmelung fürchtet oder davon abschrecken lässt, findet hier einen sehr schonungslosen und auch klugen Roman über die Zeit des Wilden Westens in den USA mit den Indianerkriegen und der Expansion gen Westküste. Gepaart ist diese Gewaltorgie mit Bibelanspielungen und –bezügen, besonders am Anfang des Romans wird der Hauptprotagonist angekündigt wie der Erlöser, nur um dann den Weg eines Kopfgeld- und Skalpjägers zu gehen. Apropos Skalp, insbesondere die Skalpierungen durch Cowboys und Indianer, sind sehr detailreich geschildert. Dennoch ist es eine lesenswerte Erzählung über diese Zeit, fernab von der verklärten Wildwestromantik eines Karl Mays.

Cormac McCarthy: Die Abendröte im Westen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2016. 448 Seiten. 12,99 €.

 

von Joma Jour

Jasper Fforde: Das Auge des Zoltars
Fforde_AugeZoltarsJennifer Strange in ihrem dritten Abenteuer. Es geht auf eine Quest im nachbarlichen Cambrischen Empire. Jennifer muss Das Auge des Zoltars finden. Hilfe bekommt sie u.a. vom Jungzauberer Perkins, der Prinzessin vom Königreich Snodd, die sich im Körper eines Dienstmädchens befindet und der exzentrischen Guide Addie.
Auch in diesem Band gibt es wieder jede Menge (absurde) Ideen und Humor. Und am Ende einen Umbruch, der eine Fortsetzung fordert.

Jasper Fforde: Das Auge des Zoltars. Köln: One 2017. 349 Seiten. 16 €.

 

Jonathan Stroud: Lockwood & Co – Die seufzende Wendeltreppe
Lockwood Co - Die Seufzende Wendeltreppe von Jonathan StroudVorsicht die Geister sind los. Die Erwachsenen sind machtlos gegen sie. Hilfe kommt von begabten Jugendlichen, die in Agenturen organisiert sind. Die kleinste besteht aus drei Leuten: Lucy, George und der namensgebende Lockwood. Sie wollen an die Spitze und ziehen deshalb auch gegen die wirklich gefährlichen Geister ins Feld. Doch nicht nur von den Geistern droht Gefahr, auch der eine oder andere Mensch hat es in sich.
Tolle Jugendreihe mit einem dynamischen Team, das nicht nur Spannung, sondern auch Grusel bietet.

Jonathan Stroud: Lockwood & Co – Die Seufzende Wendeltreppe. München: cbj Kinderbücher 2015. 12,99 €.

 

Juli Zeh: Treideln
Treideln von Juli Zeh

Ein Briefroman, der interessante Einblicke in das Schreiben und das Autorensein gibt. Unterhaltsam, scharfzüngig, sarkastisch und lesenswert.

Juli Zeh: Treideln. München: btb 2015. 208 Seiten. 8,99 €.

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