Carmen Stephan: It’s all true

Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters. Und die Realität? 

Philosophischer Roman über die Abbildung der Realität

Carmen Stephan it's all true

von Torsten Ehlers

Es gibt Kunstrichtungen, in denen man die Realität abzubilden versucht. Müsste es dann nicht so sein, dass eigentlich alle die wahrgenommene Realität gleich abbilden? Kann man dies überhaupt? Die Antwort darauf fällt leicht. Sie ist ein klares: Nein. Jede Realität sowie jede Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters. Dies müssen die Protagonisten in Carmen Stephans Roman It’s all true teilweise auf sehr harte Art und Weise lernen, ausgenommen vielleicht der Fischer Jacaré. Später dazu mehr.

Die Protagonisten sind vier brasilianische Fischer aus Fortaleza und der amerikanische Regisseur Orson Welles. Erstere versuchen mit ihrer Reise auf Missstände in der Behandlung von Fischern aufmerksam zu machen. Ihr Ziel ist die brasilianische Hauptstadt. Mit ihrer Ankunft dort haben sie eine beschwerliche Reise hinter sich gebracht. In 61 Tagen haben sie ca. 2300 Kilometer zurückgelegt und dies nur auf einer Jangada, einem besseren Floß. Einer der Fischer, Jacaré, führt über ihre Reise ein Tagebuch und schreibt die Ereignisse nieder. In Rio de Janeiro angekommen, werden sie wie Volkshelden empfangen und fast zum Regierungssitz getragen. Orson Welles liest davon in der Zeitung. Praktischerweise hat er gerade den Auftrag bekommen, einen Film über Südamerika zu drehen, um das US-amerikanische Volk über diesen Kontinent aufzuklären, Vorurteile abzubauen und die Brasilianer auf die Seite der Amerikaner im 2. Weltkrieg zu ziehen. Welles möchte genau diese Begebenheit erzählen und sehr nahe an der Realität bleiben und gewinnt die vier Fischer dafür, ihre beschwerliche Reise noch einmal für einen Film nachzustellen. Doch das Unglück nimmt seinen Lauf. Jacaré fällt bei einer Überspülung des Floßes von diesem und ertrinkt in den Tiefen des Atlantiks. Die Authentizität, zumindest was die Person des Fischers angeht, ist dahin. Eine richtige Nachstellung der Ereignisse hat die Naturgewalt des Atlantiks zunichte gemacht. Doch wie bildet man nun die Realität ab?

Drei Realitäten

Ganz einfach: Das geht nicht. Jeder, der sich an dieser Geschichte versucht, wird scheitern, die wahre Realität abzubilden. Selbst Jacarés Tagebuch legt nicht davon Zeugnis ab, wie es sich wirklich zugetragen hat. Seine Schilderungen spiegeln seine Ängste sowie all seine Gefühle wider und sind allein schon deswegen keine Abbildung der Realität. Welles hingegen möchte diese Situation in einem Film nachstellen, um so authentisch wie möglich zu sein. Mit einer Kamera rund 50 Kilometer entfernt von dem Floß auf dem Wasser. Sehr realistisch, aber Welles glaubt daran, dass es möglich ist und genau in diesem Moment verunglückt sein Hauptdarsteller tödlich. Nun besteht keine Möglichkeit mehr, wirkliche Authentizität zu erreichen. Dass er aber die Chance hat, ein menschlicheres Bild zu zeichnen, und eine komplett andere Authentizität und vor allem eine sehr intensive Realität darstellen könnte, sieht und erkennt er nicht. Obwohl Welles dann doch Jacarès Begräbnis inszeniert und so den Fischern eine Realität gibt, die so nie da gewesen ist, weil Jacarès Körper nie gefunden wurde. Der Regisseur sieht sein Projekt scheitern und fast zerbricht er an diesem Umstand. Im Jahr 2017 versucht sich nun Carmen Stephan an diesem Gesamtkonstrukt, um eine ganz neue Wahrheit zu erschaffen. Mit Hilfe Jacarés Aufzeichnungen und auch einer Biographie von Orson Welles erzählt sie diese Begebenheiten neu. Ein weiterer und neuer Blick auf diese Situation entsteht, der einen anderen Schwerpunkt setzt. Das Gesamtkonstrukt wird nun betrachtet und eine Position fernab aller dieser Ereignisse wird eingenommen, um die echte Realität abzubilden. Doch eine tatsächliche Wiedergabe der Begebenheit kann auch dies nicht sein.

Carmen Stephan legt mit It’s all true ein wirklich bemerkenswertes und auch philosophisches Buch vor. Ein Werk, welches man fast in einem Rutsch durchlesen kann, nur um es dann noch mal zu lesen, um dann anzufangen, wirklich zu verstehen, worum es geht. Vermutlich rätselt man aber auch dann noch darüber, was man da eigentlich gelesen hat. Es ist also ein Buch, das immer weiter in einem arbeitet und das einen erst sehr spät loslässt. Vermutlich ist dies so gewollt, denn die geringe Anzahl der Seiten erzählt nicht alles und so bleibt viel Spielraum dafür, sich eigene Gedanken zu machen. Vielleicht wäre die eine oder andere Seite mehr, als die 120 Seiten, in diesem Werk wünschenswert gewesen, aber wäre dann das gleiche Ergebnis dabei herausgekommen oder wäre dies nur wieder ein Eingriff, der zu einer weiteren Wahrheit geführt hätte?

Carmen Stephan: It’s all true. S. Fischer Verlag. Frankfurt 2017. 120 Seiten. 16,00 €.

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