Jens Sparschuh: Das Leben kostet viel Zeit

Eine Erzählung über das Schreiben von Geschichten

Oder: Wie erzählt man das Leben?

Sparschuh Leben kostet viel Zeit

von Torsten Ehlers

Manche Menschen erleben mehr, andere erleben weniger; das ist kein Geheimnis. Nicht selten liest man zufällig den neuesten Klatsch und Tratsch darüber, dass wieder einmal ein 21-jähriger Sportler, Musiker oder auch Schauspieler eine Biographie schreibt. Da fragt man sich doch: Was kann so wichtiges in deren Leben passiert sein, dass sie in solch jungen Jahren schon eine Biographie auf den Markt werfen? Bei älteren Menschen fragt man da nicht nach. Hier handelt es sich schließlich um Menschen, die auf ein ereignisreiches Leben zurückblicken können. Nehmen wir mal ein Beispiel: Ein Mensch, der 1929 geboren wurde und 2017 verstorben ist, was hat der nicht alles erlebt? Historische Ereignisse wie den Zweiten Weltkrieg, die Kuba-Krise, den Vietnam-Krieg, die Wiedervereinigung Deutschlands, die Einführung des Euro und und und… Bei einem solchen Leben fragt man sich doch, was ist am Ende wirklich berichtenswert?

In Jens Sparschuhs aktuellem Roman Das Leben kostet viel Zeit geht es genau darum. Welche Lebensgeschichte ist es wert, erzählt zu werden? Titus Brose, so heißt die Hauptfigur, war früher ein Journalist. Als solcher führte er ein aufregendes Leben, aber nach dem Niedergang der Zeitung, für die er gearbeitet hat, findet er sich nun bei der Firma „LebensLauf“ wieder. Hier grast er regelrecht Altersheime ab, um den Bewohnern Bücher aufzuschwatzen. Bücher über ihr eigenes Leben, welches er sich von ihnen erzählen lässt und es dann niederschreibt. So etwas kommt naturgemäß nicht immer gut an. Schade, dass die, deren Leben eigentlich langweilig gewesen ist, bereitwilliger ihre Geschichte zu Papier bringen lassen wollen. Die wirklich interessanten Fälle müssen überredet werden oder zeigen kein Interesse. Bei seinen Besuchen stößt Titus Brose auf Herrn Einhorn, der glühender Chamisso-Anhänger und auch -forscher war. Einhorn macht den ehemaligen Journalisten auf Unstimmigkeiten im Lebenslauf von Chamisso aufmerksam. Gemeinsam forschen die beiden nach, doch wird Brose es schaffen, Einhorn zu überreden, darüber ein Buch zu schreiben? Wird es überhaupt eine Erzählung wert sein? Oder ist vielleicht die Geschichte dieser Forschungen die eigentlich nennenswerte Geschichte? Viele Fragen, die Sparschuh aber auch alle beantwortet. Manchmal muss man schon genau lesen, damit man bemerkt, welche Antworten einem die Lektüre liefert.

Eine große Stärke dieses Romans ist es, dass wir nicht nur etwas über die Rentner erfahren, die Brose befragt. Auch der nicht mehr ganz junge, aber noch nicht alte Titus hat schon einiges erlebt, das durchaus spannend ist. Wir lernen in diesem Buch, dass jeder, der lebt, auch etwas zu erzählen hat. Die Spannung der Geschichte liegt in den Augen des Lesers bzw. Zuhörers. Einfluss kann der Erzähler nur darauf nehmen, wie er diese Geschichte erzählt. Macht er es etwa spannend, indem er Cliffhanger oder Anekdoten einbaut? Auch die Intonation seiner Geschichte kann ein langweiliges und ereignisarmes Leben spannend wirken lassen. Doch am Ende ist es mit dem Erzählten wie mit den Texten eines Autors, sobald diese der Öffentlichkeit präsentiert werden, hat er auf die Wirkung keinen Einfluss mehr. Das klingt hier nach sehr schwerer Kost, aber das ist es gar nicht, denn Sparschuh erzählt mit Humor und Leichtigkeit, sodass man die Schwere des Themas schlichtweg nicht wahrnimmt. Manchmal ist der Humor des Autors sehr „klamaukig“, wenn er zum Beispiel zwei befreundete Rentner  erzählen lässt, dass der eine den anderen gewinnen ließe und der andere Rentner ihm sagt, dass er sich ganz schön anstrengen müsse, damit der Andere gewänne. Aber genau diese Szenen braucht es, um das traurige Thema vom Lebensende und den Wert dieses Lebens nicht übermächtig werden zu lassen.

Jens Sparschuh hat mal wieder bewiesen, dass er es versteht, ernste Themen leicht zu erzählen. Er kalauert dabei nicht nur, sondern bedient sich eher eines Humors, der beim Lesen für ein angenehmes Schmunzeln sorgt. Sparschuh spielt in seinem Roman mit den Begriffen „Zeit“ und „Leben“, die er sehr philosophisch anpackt, weil er sie in den großen Zusammenhang des Lebens als Ganzes rückt. Der Protagonist ist nicht klischeehaft angelegt, sondern lädt dazu ein, sich mit ihm zu identifizieren, weil er so lebensnah wirkt und uns beim Lesen auf unsere Ängste stößt, über die wir nicht nachdenken wollen, wie zum Beispiel den Tod , das Alter oder auch die Demenz. Wenn man denn findet, dass hin und wieder auch der Weg das Ziel eines Textes sein kann, ist diese Lektüre und hier möchte ich das Thema des Anfangs wieder aufgreifen, für jung und alt gleichermaßen empfehlenswert, denn die Geschichte über einen ehemaligen Journalisten, der versucht sich eine Geschichte abzuringen, ist spannend.

Jens Sparschuh: Das Leben kostet viel Zeit. Kiepenheuer und Witsch Verlag. Köln 2018. 384 Seiten. 20,00 €.

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Ein Kommentar zu “Jens Sparschuh: Das Leben kostet viel Zeit

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