Martin Thomas Pesl: Das Buch der Schurken

Das Einmaleins der Bösewichte

Martin Thomas Pesl wirft einen Blick auf einige Antagonisten der Weltliteratur.

Pesl Buch der Schurken

von Torsten Ehlers

Bevor ich mit der Rezension der Taschenbuchausgabe von Martin Thomas Pesls Das Buch der Schurken beginne, möchte ich erst mal einige Frage stellen. Können Sie sich Batman ohne den Joker vorstellen? Was wäre Sherlock Holmes ohne Moriarty? Wäre Harry Potter nicht langweilig, wenn es Lord Voldemort nicht geben würde? Ist Effi Briest ohne den Baron von Instetten lesenswert? Was wäre die nordische Mythenwelt nur ohne Loki? Gut letzteres ist vermutlich kein gutes Beispiel, denn Götter sind in der Literatur immer sehr ambivalente Wesen. Aber das Schema sollte klar sein. Viele dieser Bücher sind nichts ohne ihre Schurken, Bösewichte oder Tunichtgute. Sie sind das Salz in der Suppe. Ohne sie würden wir nur vermeintlich heile Welten vorgesetzt bekommen und das ist nicht gerade interessant. Der Mensch ist so gestrickt, dass er vom Abgründigen fasziniert ist. Er möchte ergründen können, was diesen Charakter so geformt hat, dass er nun böse ist.

Martin Thomas Pesl hat einige dieser – nennen wir sie der Einfachheithalber wie im Buchtitel – Schurken unter die Lupe genommen. Dabei geht er strikt nach seinen sich selbstauferlegten Regeln vor: Pro Autor nur einen Bösewicht und auch pro Werk lediglich einen. Der bereits angekündigte Lord Voldemort aus dem Harry Potter Universum hat es leider nicht ins Buch geschafft, aber der gelistete Charakter aus den Werken von J.K. Rowling ist ebenfalls ein Schurke allererste Güte. Aber immer ruhig, wer jetzt denkt, wie man den absoluten Bösewicht der Neuzeit denn außen vor lassen könne, dem seien als Entschuldigung folgende Bösewichte stellvertretend für alle genannt: Drommetenrot, die Windmühlen, Gastmann, Raskolnikow und Enkidu. Wie jetzt, die kennt doch keiner? Dann sollten sie aber mal unbedingt Leo Perutz‘ Der Meister des jüngsten Tages, Miguel de Cervantes‘ Don Quijote, Friedrich Dürrenmatts Der Richter und sein Henker, Dostojewskijs Verbrechen und Strafe oder das Gilgamesh Epos lesen. Sie haben etwas verpasst, genau wie ich, denn zugegeben, alle diese Bösewichter kannte ich vor der Lektüre von Pesls Buch auch nicht.

Nun ist aber, wie anhand der Aufzählung bestimmt schon klar geworden ist, Bösewicht nicht gleich Bösewicht. Vielmehr gibt es hier verschiedene Arten von Schurken. Pesl löst das Problem, indem er Kategorien bildet, die da unter anderem lauten: die Gierigen, die Rachsüchtigen, die Despoten, die Erziehungsberechtigten. Im Vorwort gibt er aber auch zu, dass es Schurken gibt, die sich in mehrere dieser Kategorien einordnen lassen. Aber es gibt Schurken, die man auch als Opfer sehen könnte. Moby Dick ließe sich auch so lesen, dass eigentlich Captain Ahab der Bösewicht ist. Pesl macht daraus in seinen Beschreibungen und Steckbriefen seiner gelisteten Schurken auch keinen Hehl. Es ist nicht immer einfach, Gut und Böse voneinander zu trennen. Vielmehr ist auch der Gute auf dem Weg zum Ziel, nämlich den Bösewicht zu erwischen, in einer legalen Grauzone unterwegs.

Martin Thomas Pesl hat hier ein kleines Lexikon der Schurken vorgelegt, das Spaß macht. Dafür steht auch der humorige Umgang mit den Bösewichten in seinem Werk. Wer jetzt aber Zweifel an dieser Lektüre hat, sollte sich die Passage mit den unbekannten Schurken vor Augen führen, denn dieses Buch kann sehr gut für Leseempfehlung genommen werden. Ich für meinen Teil schnappe mir noch mal Leo Perutz‘ Der Meister des jüngsten Tages und entdecke noch einmal das böse Drommetenrot für mich.

Martin Thomas Pesl: Das Buch der Schurken. Die 100 genialsten Bösewichte der Weltliteratur. btb Taschenbuch. München 2018. 244 Seiten. 12,00 €.

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