Martin Korte: Wir sind Gedächtnis

Wenn wir Gedächtnis sind, wer sind wir dann überhaupt?

Der Neurobiologe Martin Korte beobachtet unser Gehirn beim Erinnern.

Wir sind Gedaechtnis von Martin Korte

von Stephan Lesker

Ein Computer mit der Kapazität unseres Gedächtnisses hätte ein Datenvolumen, das in etwa dem Speicherplatz von 2,5 Millionen CDs entspricht. Falls sich CDs demnächst endgültig überlebt haben sollten: wir reden hier von ca. einem Petabyte, also 1015 oder 1.000.000.000.000.000 Bytes. Das Speichervolumen Ihres Gehirns übertrifft Ihr Smartphone um ein Vielfaches. Wozu brauchen Sie das Ding eigentlich, wo Sie doch viel smarter sind?
Nun ja, vielleicht, weil das mit unserem Gehirn doch nicht ganz so einfach ist. Martin Korte geht nicht nur der Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses auf den Grund, sondern auch den Tücken unseres Erinnerungsapparates.

Was erinnern wir eigentlich?
Wenn wir uns eine besonders bildliche, plastische Erinnerung vor Augen führen, sind wir davon überzeugt, das Erinnerte genau so erlebt zu haben, da es uns derart deutlich präsent ist, als wäre es gestern gewesen. Von dieser Vorstellung müssen wir uns leider verabschieden. Wenn unser Gehirn sich nämlich an etwas erinnert, sucht es nicht einen bestimmten Ort auf, an dem die Erinnerung abgelegt wurde. Das Abspeichern von Erlebtem folgt keinem Schema, sondern geschieht assoziativ. Unser Kopf arbeitet nicht wie ein Archivar, der, wenn er die Akte von Max Mustermann sucht, einfach zur Schublade mit dem Buchstaben M geht. Immer, wenn wir uns an etwas erinnern, legt unser Gehirn über eine alte neuronale Spur einen neuen Pfad an. Beim erneuten Abrufen wird nur diese neue Spur aktiviert. Das bedeutet, dass unsere Erinnerungen eigentlich nur so alt sind, wie der Zeitpunkt, an dem wir sie das letzte Mal erinnert haben. Damit jedoch nicht genug: Das Abrufen ist auch abhängig von den Umständen und von unserem emotionalen Zustand; also vom Jetzt. Die konkreten Umstände des Erinnerns verändern die Erinnerung. Unser Gedächtnis arbeitet zu keinem Zeitpunkt verlässlich oder präzise. Sie müssen sich also fragen, ob in ihrer Schultüte tatsächlich dasjenige drin war, von dem Sie glauben, dass es drin war. Haben Sie bspw. wirklich einen Taschenrechner bekommen, oder bekamen Sie den erst zu Ihrem Geburtstag ein paar Wochen später? Trug ihr Lehrer am ersten Schultag wirklich eine schrecklich abgetragene Jeans? Oder trug er sie nicht doch erst beim Klassenausflug? Wenn Sie Glück haben, können Sie noch Ihre ehemaligen Schulkameraden befragen, die Ihre Erinnerung dann bestätigen oder widerlegen. Tun Sie es mal. Sie werden erstaunt sein.
Diese und weitere überraschende Erkenntnisse liefert Korte in seinem Buch.

Die Katze Erinnerung
Korte widmet sich nicht nur hier, sondern auch in seiner Forschungstätigkeit einem Thema, das den Menschen überhaupt erst als Kulturwesen möglich macht. Erinnerung ist neben der Vergegenwärtigung von Vergangenheit auch sprachliches Handeln. Erinnerungen sind also immer auch narrative Konstrukte. Erst durch unser Gedächtnis bekommen wir eine Ich-Perspektive, aus der heraus wir das Erlebte dann erzählen. Es ist die Voraussetzung für Kommunikation. Nicht umsonst zitiert Korte immer wieder berühmte Schriftsteller, die sich zum Thema Erinnerung geäußert haben oder große Werke stifteten, in denen Erinnerungsprozesse eine Rolle spielen: Jane Austen, T.S. Eliot, Durs Grünbein, Virginia Woolf, um nur einige zu nennen. Natürlich kommt Lewis Carroll mit seinen Geschichten um Alice und das Wunderland ebenso zu Wort, wie Marcel Proust und seine Suche nach der verlorenen Zeit. Aber nicht nur, dass Erinnerung in der schönen Literatur häufig thematisiert wird, die Literaturgeschichte kennt auch die verschiedensten Symbole für sie. Berühmtheit erlangte Uwe Johnson mit seiner „Katze Erinnerung“. In seinem Monumentalwerk Jahrestage, das sich, wie könnte es anders sein, um die Erinnerungen der in New York lebenden Mecklenburgerin Gesine Cresspahl dreht, begegnet uns diese Katze. Es heißt dort von ihr, sie sei unbestechlich und unabhängig. Dieses Bild hat seinen unbestrittenen Platz in der Literaturgeschichte, aber es ist nicht stimmig, denn Martin Korte zeigt, dass unsere Erinnerung sehr wohl bestechlich ist. Es ist möglich, einem Menschen durch Suggestion eine „falsche“ Erinnerung einzupflanzen. Wenn Sie Ihre ehemaligen Mitschüler also fragen, ob Ihr Lehrer am ersten Schultag wirklich eine zerschlissene Jeans anhatte, könnte es ja passieren, dass Ihre Schulkameraden Sie auf den Arm nehmen wollen und sich verabreden, Ihnen eine falsche Information zu geben: „Unser Lehrer? Nein, der hatte doch am ersten Schultag einen edlen schwarzen Anzug an.“ Und schon zweifeln Sie an ihrer Erinnerung und übernehmen vielleicht das falsche Bild. Auch mit der Unabhängigkeit ist es nicht weit her. Erinnerungen sind vom Zeitpunkt des Erinnerungsvorgangs und von der Verfügbarkeit passender Abrufreize abhängig. (Man denke an Prousts berühmte Madeleine.) Nun wäre Johnson aber nicht Johnson wenn die Katze Erinnerung bei ihm nicht noch etwas mehr wäre: Sie ist nämlich dazu noch ungehorsam und hält sich oft unerreichbar. Das passt dann auch schon eher zu Kortes Ausführungen.
Sein Buch ist nicht nur nachvollziehbar, illustrativ und liefert wichtige Erkenntnisse über die Arbeitsweise unseres Gehirns. Darüber hinaus liest es sich auch einfach gut. Selbst die für einen Laien nur schwer zu begreifenden hirnphysiologischen Vorgänge sind anschaulich und informativ dargestellt. Nicht zuletzt macht Kortes Buch aber auch Lust auf das Lesen selbst. Erstens, weil man sein Gehirn durch Lesen natürlich in Form halten kann, und zweitens, weil die vielen Beispiele und Zitate aus der Literaturgeschichte förmlich dazu einladen, sich nun auch den zitierten Werken und Autoren zu widmen.
Nachdem Sie Wir sind Gedächtnis verschlungen haben, lesen Sie doch gleich einmal (oder nochmal) Carrolls Alice im Wunderland. Beginnen Sie am besten mit der Passage, in der die Schachkönigin Alice für ihre Dienste anderntags Marmelade anbietet.

Martin Korte: Wir sind Gedächtnis. Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind. Deutsche Verlagsanstalt. München 2017. 384 Seiten. 20,00 €.

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