Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen

Wie war das noch mal mit Odin, Loki und Thor?

Die nordische Mythologie neu erzählt von Neil Gaiman

Neil Gaiman - Nordische Mythen und Sagen

von Torsten Ehlers

Seitdem Loki und Thor sich durch die Marvel-Comicverfilmungen zoffen und zusammenraufen, nur um sich dann doch wieder miteinander zu streiten, scheint es ein grundsätzliches Bedürfnis zu geben, sich mit der nordischen Mythologie auseinanderzusetzen. Da kommt es doch sehr gelegen, dass sich ein Autor wie Neil Gaiman der Sache annimmt. Schließlich ist er einer der erfolgreichsten Fantasy-Autoren unserer Zeit. Legendär ist seine Sandman Reihe, in der er unter anderem Morpheus, Shakespeare und weitere bekannte Sagenfiguren oder Autoren auftreten lässt. Teilweise erzählt er in dieser Reihe sogar die Geschichte von Orpheus und Eurydike neu, was in einem Medium wie dem Comic sehr spannend wirkt und sehr schön illustriert ist. Die Vorzeichen stehen also gut, dass es Neil Gaiman auch mit der Nordischen Sagenwelt schaffen könnte, insbesondere junge Menschen wieder für sie zu interessieren. Das Rad erfindet er nicht neu, aber das muss auch nicht sein.

Relativ unverkrampft und klassisch erzählt er, wie Odin sein Auge verloren hat und zu seinen Raben Hugin und Munin gekommen ist, wieso Sleipnir acht Beine hat und so weiter. Auch seine Söhne Loki und Thor sowie seine Frau bekommen jede Menge Raum für ihre Geschichten und ihr Tun. Auch unbekannteren Göttern wird eine Geschichte eingeräumt. Wer weiß schon, wer Gerd und Frey sind? Ihre Geschichte hat man vielleicht schon mal gehört, aber vermutlich die wenigsten wissen, wer diese beiden sind. Hier schlägt Gaiman dann auch einen gekonnten Haken zur Keltischen Sagenwelt, die unter anderem Parallelen zur nordischen Mythologie aufweist. All diese Geschichten erzählt Gaiman im Präteritum. Nur bei einer Episode baut er einen Kniff ein. Hier geht es um die unter den Asen, so der Name der nordischen Götter, gefürchtete Ragnarök, dem Untergang von allem. Diese Geschichte erzählt er im Futur. Ein nicht sehr kreativer aber durchaus nützlicher Kniff, denn so bleibt es vage, ob die Zeit der Asen schon vorbei ist.

Alles in allem ist es wunderbar, diese Mythen von Neil Gaiman so aufbereitet zu lesen. Das Unverkrampfte und der keineswegs fehlende Humor sind große Stärken der Geschichtensammlung. Auch die Beschreibungen der Götter gelingen wunderbar. Aber irgendwo erwartet man, vielleicht geht es auch nur mir so, wesentlich mehr von einem Text dieses Autors. Es fehlt dann doch an etwas Unfassbarem, wie es sich zum Beispiel mit dem Teich im Roman Der Ozean am Ende der Straße verhält. Dieser ist eigentlich klein, aber er bildet den Übergang von unserer in eine andere unbekannte Welt. Gaimans Texte leben eigentlich von seinen kreativen Ideen, mit denen er Figuren zeichnet. Wer hat bei der Lektüre von Niemalsland nicht ein Bild dieser Kopfgeldjägerin namens Hunter vor Augen, die mit dem Protagonisten Richard Mayhew loszieht und ihn zwischendurch sogar verrät? Wer hat sich bei der Lektüre den Engel Islington nicht vorgestellt und sich gefragt, wie er so grausam sein und all diese gemeinen Taten begehen kann? All dieses Unerwartete fehlt in seinem aktuellen Buch. Auch der Raum für eine eigene Vorstellungkraft der Figuren ist nicht wirklich gegeben. Was sehr schade ist, denn so anschaulich, die bereits erwähnten, Beschreibungen der Götter sind, sind sie genau das, was den Lesegenuss schmälert. Neil Gaiman lebt sehr von dem ihm eigenen Umgang mit bestehenden Geschichten, wie es seine kongeniale Comicreihe Sandman beweist. Aber mit diesem Buch hat er sich vielleicht einen zu engen Rahmen gesetzt. Einen Rahmen, der seine Kreativität vielleicht zu sehr einschränkt, so dass man am Ende zu dem Fazit kommt: Nice to know und schön, dies mal wieder aufgefrischt zu haben, aber als unentbehrlich und „must have“, sehe ich das Buch nicht.

Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen. Eichborn Verlag. Frankfurt 2017. 256 Seiten. 22,00 €.

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