Thomas von Steinaecker und Barbara Yelin: Der Sommer ihres Lebens

Was am Ende bleibt

Barbara Yelins und Thomas von Steinaeckers feinfühlige Graphic Novel untersucht das Leben.

Yelin Der Sommer ihres Lebens

von Torsten Ehlers

„Der Mensch ist die Summe seiner Erinnerungen“, hat mal eine kluge Person gesagt. Wer genau, ist unbekannt, aber steckt in diesem Spruch mehr als nur ein Körnchen Wahrheit? Was ist, beispielsweise, wenn man sich infolge einer Demenzerkrankung nur noch an einige wenige Dinge aus seinem Leben erinnern kann? Ist es dann abhängig von diesen letzten im Kopf verbliebenen Erinnerungen, ob wir ein glückliches oder unglückliches Leben geführt haben? Wenn man sich dieser Thematik annehmen möchte, muss man schwere Kost befürchten. Aber keine Angst, Barbara Yelin und Thomas von Steinaecker steigen nicht ganz so hart in ihre Graphic Novel Der Sommer ihres Lebens ein. Aber am Ende stellt sich die Frage, was vom Menschen bleibt, unweigerlich.

Yelin und Steinaecker beschreiben das gesamte Leben von Gerda Wendt. Sie blickt im Altersheim auf all ihr Erlebtes zurück und fragt sich, was am Ende bleibt. Hat sie ein schönes Leben gehabt? Gerda muss aber keineswegs unglücklich sein und das ist sie auch nicht. Sie hat ein spannendes Leben gelebt, war eine angesehene Astrophysikerin und kann sich über Höhen erfreuen und Tiefen ärgern, sowohl im Beruf als auch im privaten Leben. Gut, in ihrer Schulzeit war sie eher ein Mauerblümchen und wurde von Mitschülern gehänselt, wenn sie sie denn überhaupt wahrgenommen haben. Später gibt sie für einen kurzen Moment für die Liebe ihre Karriere auf, nur um dann festzustellen, dass ihr Mann, der Musiker ist, sie mit dem Kindermädchen betrügt, als sie ihre Karriere wieder in Schwung bringt. Auf jeden Erfolg bei ihr, kommt gefühlt ein Nackenschlag und dennoch bleibt es, alles in allem, ein erfülltes Leben, auch wenn sich hier positive und negative Ereignisse die Waage halten. Welches Fazit wird Gerda am Ende ziehen?

Atmosphärische Lebenserinnerungen

Ein spannendes Leben zeichnet diese Graphic Novel vielleicht gerade deshalb, weil die Zeichnungen von Barabara Yelin so schön die einzelnen Momente Gerdas festhalten. Nicht so steril, wie uns unsere Smartphones heute die Bilder rundrechnen, die wir in der Hoffnung schießen, ein tolles Urlaubsfeeling einzufangen oder auch einen tollen Erfolg im Sport festzuhalten. Dabei verwendet Yelin nicht gerade warme Farben, um diese Momente einprägsamer zu machen. Es gibt immer wieder Seiten, auf denen sich Erinnerungen an Erinnerungen reihen. Doch die meisten haben blaue Rahmen, nur wenige sind mit gelber und roter Farbe umrahmt. Sollen letztere etwa positive Erinnerungen sein, weil sie eine wärmere Ausstrahlung haben, als die anderen Bilder? Dies lässt sich nicht so ganz festmachen, denn wie anfangs erwähnt, erfolgt für Gerda immer auf jedes gute Ereignis ein Nackenschlag. Doch auch in den dunkelsten Stunden in ihrem Leben gibt es immer etwas, das mit helleren Farben dargestellt ist. Dies sind die Lichtblicke für Gerda und auch dem Leser kann dann diese dunkle Stunde nicht komplett negativ in Erinnerung bleiben.

Steinaecker und Yelin haben hier eine großartige Graphic Novel geschaffen, die sich einem schweren Thema annimmt, aber dennoch eine Leichtigkeit ausstrahlt, die ihresgleichen sucht. Ein wenig fühlt man sich trotz dieser schweren Nackenschläge für Gerda, als ob man vom Gefühl her in David Prudhommes Rein in die Fluten liest, in der der Autor das Kuriose und auch Leichte eines Strandbesuchs schildert, und nicht einen traurigen Rückblick einer Seniorin auf sein Leben. Schön ist auch dargestellt, wie häufig man in einem Leben falsch liegen kann. Gerda versucht alles, um erfolgreich und glücklich zu sein. Doch dem gegenüber steht entweder der Alltag oder einfach eine Fehleinschätzung eines geliebten Menschen. Am Ende wird es dann dennoch ein Leben mit einem positiven Fazit für Gerda gewesen sein, denn es irrt der Mensch, solang er strebt. Das kann man schon in Goethes Faust lesen und so kehrt Gerda vom Gemüt her wieder an den glücklichsten Moment in ihrem Leben zurück, diesen einen unbeschwerten Sommer. Doch was sie dort erlebt hat, darüber legen wir hier den Mantel des Schweigens. Es ist eine Erinnerung in Blau gehalten und mit ganz viel farblich hellen Einschlägen, in der sich jeder, der möchte, wohlfühlen kann.

Thomas von Steinaecker und Barbara Yelin: Der Sommer ihres Lebens. Reprodukt Verlag. Berlin 2017. 80 Seiten. 20,00 €.

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