Joachim Zelter: Im Feld

Literatur als Laktat-Test

Joachim Zelter strapaziert die Ausdauer.

ZELTER_FELD

von Stephan Lesker

Ach ja! Radfahren. Ein wunderbares Gefühl, wenn der Fahrtwind um die Ohren weht, während man in gemächlichem Tempo eine traumhafte Landschaft an sich vorüberziehen lässt. Wahrhaft wohltuend, den Druck und Stress der Leistungsgesellschaft hinter sich zu lassen, auf ein so wunderbares Transportmittel wie das Fahrrad umzusteigen und sich einer Gruppe Gleichgesinnter anzuschließen. Aber Pustekuchen, wenn der Anführer dieser Gruppe Landauer heißt.
Der bedauernswerte Frank Staiger (nomen est omen) weiß nicht, auf was er sich einlässt, als er sich eines Morgens zum Freiburger Heidegger-Denkmal aufmacht. Der ortsansässige Radverein hat zu einer Tour geladen, an der sich auch Nicht-Mitglieder beteiligen können. Staiger, mit seiner Freundin Susan eigens wegen der Radsportmöglichkeiten aus Göttingen nach Freiburg gezogen, wird diese Entscheidung noch bereuen. Zufällig ordnet er sich der mittleren Gruppe zu. Für die langsame wäre er ohnehin nicht geeignet, galt er doch in Göttingen als ausgezeichneter Bergfahrer. Und das will etwas heißen. Der Harz, der ja bekanntlich einige durchaus beachtliche Gipfel bietet, ist nicht weit. Und auch Göttingen selbst, mit seiner „abwechslungsreichen Topografie“, wie man auf einer Website für Ferienwohnungen lesen kann, bietet für ambitionierte Radfahrer einige Herausforderungen. Da sich Staiger aber lieber mit Parkhaus-Serpentinen herumschlägt, statt einen anständigen Berg aufzusuchen, was einiges über seine Einstellung zu wahren Herausforderungen sagt, wäre die schnelle Gruppe wohl auch nichts für ihn gewesen. Staiger ist jemand, der nicht nur im Radsport bemüht ist, welliges Terrain zu meiden, wenn es nur irgend möglich scheint. Mit der Zuordnung zur mittleren Gruppe hat er also unbewusst alles richtig gemacht und doch die falsche Entscheidung getroffen, denn im Feld der Radfahrer werden bald Gerüchte laut, dass ein gewisser Landauer demnächst zur Gruppe stoßen und die Tour übernehmen werde. Dieser Landauer ist eine wahrhafte Legende. Als er auf einer mehrtägigen Rundfahrt seinen Rhythmus nicht fand und mit seiner Zeit im Ziel nicht einverstanden war, fuhr er zurück und begann die Fahrt von vorn. Wohlgemerkt stante pede oder besser stante velocipede – also sofort und ohne Pause. Nach einer schweren Verletzung setzte er sich im Krankenhaus sogleich auf ein Ergometer und führte dieses bis an dessen Leistungsgrenze. Leistung treibt ihn an. Das Ausloten und Überschreiten der eigenen Grenzen ist für ihn zum Lebensprinzip geworden. Wer Ähnlichkeiten zu Gustav Landauer und seinem Ethischen Anarchismus sucht, ist herzlich eingeladen.
Zelters Landauer ist das Gegenbild zu Staiger. Während dieser Hürden, Prüfungen und Anstiege vermeidet, sucht jener sie geradezu exzessiv auf. Beide verkörpern entgegengesetzte Pole des Leistungsgedankens. Wünschenswert wäre es, zwischen diesen beiden Extremen ein Maß zu halten. Dies ist es auch wohl, was die mittlere Gruppe verkörpern soll. Für Staiger stellt sie eher einen Aufstieg dar. Sie ist das, was er vielleicht auch im Leben gerne sein möchte: ambitioniert, aber nicht leistungsbesessen. Für Landauer hingegen ist sie eindeutig ein Abstieg. Somit mutiert der Radsport in Zelters Roman offensichtlich und vorhersehbar zu einer Allegorie unserer Gesellschaft.
Man darf sich übrigens ruhig die Frage stellen, wie Landauer eigentlich zum Doping steht.

Der nächste Anstieg ist immer der monotonste

Die Intensität und der Rhythmus der Radtour spiegeln sich auf der Strukturebene des Romans ansatzweise wider: Ein Anstieg folgt dem nächsten, was aber nicht unbedingt bedeutet, dass auch ein erzählerischer Höhepunkt auf den anderen folgen würde. Im Gegenteil: Mit jedem Anstieg nimmt die Monotonie zu. Hochschalten. Runterschalten. Hochschalten. Runterschalten. Das ist alles, was am Ende bleibt. Die Anstiege werden nur kumulativ aneinandergereiht – ohne dramatische Steigerung. Die Anfahrt auf den ersten Gipfel wird noch fast körperlich spürbar erzählt, in Prägnanz und Spannung nur noch vergleichbar mit Stephen Kings grandioser Erzählung Der Mauervorsprung, in der die Hauptfigur ein Hochhaus außen auf besagter schmaler Betonausbuchtung umrunden muss. Wie man bei King jeden Windzug, jedes Zittern in den Gliedern zu spüren meint, so kann man auch Staigers Anstrengung, die Übersäuerung seiner Muskeln, sein mühsames Atmen bei diesem ersten Anstieg förmlich fühlen. Alle weiteren Bergfahrten sind nur noch die Wiederkehr des ewig Gleichen. Hochschalten. Runterschalten. Es steigert sich nicht die Intensität, sondern lediglich die Anzahl. Das Groteske entspring einzig daraus, dass die Zahl der Berge schier unbegrenzt ist. Immer neue Erhebungen tauchen am Horizont auf und werden (welch Wunder) von Landauer zielgenau angesteuert. Aber selbst die „Landauer-Rampe“, ein sagenumwobener Anstieg, der den Höhepunkt der Fahrt darstellen soll, wird erzählerisch kaum noch ausgestaltet. Nur Landauer fährt hoch und, da es sich um eine Sackgasse handelt, auch gleich wieder runter, um dann (natürlich) wieder hochfahren zu können. Analogien zu Sisyphos sind so gewollt wie vorhersehbar und konstruiert. In diesem Einerlei verleiht Landauer Zelters Erzählung allerdings eine immense Strahlkraft. Es ist faszinierend und gleichzeitig abschreckend, wie diese Lichtgestalt des Radsports jede Höhe mit Leichtigkeit nimmt, jeder mittleren oder schweren (für Andere unter Umständen sogar letalen) Blessur dabei höhnisch ins Angesicht spuckend. Allerdings bleibt auch diese Figur gewollt schemenhaft und wird nur durch die im Feld kursierenden aberwitzigen Gerüchte greifbar. Wie sehr würde man sich wünschen, dass die Erzählung die Perspektive von Staiger aufgibt und zur Wahrnehmung Landauers wechselt, aus dessen Sicht dann die Bewältigung der Landauer-Rampe nach zehn Stunden Höllentour geschildert wird, während Staiger hier am Ende seiner Kräfte aufgeben muss. Es ist überhaupt bemerkenswert, dass ein Radfahrer, der in seinem Leben anscheinend noch keinen anständigen Berg bewältigt hat, bis hierhin durchhält. Schließlich musste sogar Karl, Landauers verdienter Assistent, bereits abreißen lassen.

Das Tor zur Hölle

Nun hat der arme Staiger auch abseits dieser Tour so einige Probleme. In der Wissenschaft stockt seine Karriere, sodass er sich mit allenfalls populärwissenschaftlichen Vorträgen über Wasser halten muss, die durchaus gut laufen, in Zeitungen aber immer nur mit der Leerformel „interessanter Vortrag“ angekündigt werden. Als er eines Tages dabei einen Zusammenbruch erleidet, dessen Schilderung (dramaturgisch gelungen) in einer Rückblende mit den Leiden des ersten Berganstiegs verbunden wird, ist auch dies zu Ende. Susan versucht alles, um ihm zu sagen, dass, wenn man schon nicht mehr weiterkommt, es doch bitte einsehen soll. Es ist ja noch nicht zu spät, sich neu zu erfinden. Anstatt dies zu tun, flüchtet Staiger sich in den Radsport. Auf Landauers Tour wird er an seine körperlichen Grenzen geführt und in einer Art Epiphanie erkennt er, dass es mit ihm tatsächlich so nicht mehr weitergeht. Es muss sich etwas ändern, beschließt nun auch er.
Und dies alles, während Landauer die Teilnehmer der Tour durch eine wahre Hölle aus Schweiß, Schmerzen und Erschöpfungs-Delirien führt. So ist für Staiger dann auch jeder Berg „La porta per l’inferno“ – Dantes Tor zur Hölle.
Zelters Buch, das als kritische Parabel auf unsere Leistungsgesellschaft angelegt ist, bleibt stellenweise im ersten Gang stecken. Hochschalten gelingt kaum, runterschalten ist nicht mehr möglich. Es ist ein Test auf die Ausdauer und Strapazierfähigkeit der Leser. Man muss schon gute Laktat-Werte mitbringen und Wortspiele wie „Radlose Blicke“ und „Tor-Tour“ verzeihen können, um bis zum Ende im Sattel zu bleiben. Wenn man dies allerdings tut, winkt das Gelbe Trikot, hier in Form des Gefühls, dass man trotz aller Strapazen ein Buch mit Mehrwert gelesen hat. (In eigener Sache: Man verzeihe auch mir die fortwährenden Radsport-Analogien.)

„Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“, steht über Dantes Höllentor. Ähnliches könnte man auch jedem zurufen, der Zelters Buch liest und erwartet, dass nach dem ersten Berganstieg auch die erzählerische Intensität steigt. Darum geht es Zelter nicht. Für Staiger wird es nach dem ersten Berg nicht mehr besser – und dies spiegelt sich eben auch in der Erzählung wider. Staigers Wahrnehmung verengt sich, die Erschöpfung bemächtigt sich seiner Sinne. So ist es auch nur zu verständlich, dass die Erzählung ihren Intensitätsgrad nicht mehr erhöht. Die Leser und Staiger sollen simultan ausgepowert werden. Es wird für beide nicht besser, sondern nur mehr.

Eine Frage bleibt bis zum Ende übrigens besonders spannend: Was macht Landauer eigentlich beruflich?

Joachim Zelter: Im Feld. Roman einer Obsession. Klöpfer & Meyer. Tübingen: 2018. 156 Seiten. 20,00 €.

 

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