Archiv

Lukas Bärfuss: Hagard

Zwischen Normalität und Wahnsinn.

Lukas Bärfuss erzählt vom psychischen Verfall eines Menschen.

Bärfuss Hagard

von Torsten Ehlers

Dass ein guter Roman nicht unbedingt ein dicker Roman sein muss, beweist Lukas Bärfuss mit Hagard. Doch was für eine Bedeutung hat Hagard eigentlich? Was dieses Wort oder auch dieser Begriff sein kann, dafür gibt es verschiedene Optionen. Das deutsche Jagdlexikon zum Beispiel sagt dazu nur, dass es kein junger Beizvogel mehr ist, sondern schon dem Erwachsenenalter entspricht. Schaut man in ein englisches Wörterbuch, steht da als deutsche Übersetzung „verhärmt“. In einem französischen Wörterbuch steht „verstört“, es kann aber auch „scheu“, „wild“ und „störrisch“ bedeuten. Sogar die Schreibweise variiert. Im Englischen wird Hagard mit einem Doppel g geschrieben, also haggard. Klingt fast ein bisschen nach dem Lehrer aus Hogwarts Hagrid. Eines ist jedenfalls klar, dass die Bedeutung oder auch die Übersetzungen dieses Wortes oder auch Begriffes schwer nachzuvollziehen und nicht einfach zu ergründen sind. Der Protagonist in Bärfuss‘ Roman entspricht exakt diesem Typus. Genau genommen könnten die beiden Hauptcharaktere „Hagards“ sein, denn beide sind schwer zu fassen und nicht immer nachzuvollziehen. Weiterlesen

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Sadie Jones: Jahre wie diese

„Sie liebten sich auf der dicken, weichen Matratze, die keine Sprungfedern hatte, und im feuchten Gras der sonnenbeschienenen Wiesen.“  – Sadie Jones Jahre wie diese

Jahre wie diese von Sadie Jones

von Nicole Kutzner

London Mitte der 70er Jahre

Bereits in den 60er Jahren hatte sich London zur europäischen Hauptstadt der Popkultur entwickelt, in der die Londoner ihr neu gewonnenes Lebensgefühl mit Musik, Mode und Literatur zum Ausdruck brachten. Die 70er wurden dann zwar zu dem Jahrzehnt, in dem das Vereinigte Königreich als „kranker Mann Europas“ bezeichnet wurde, weil das BIP zwei Jahre hintereinander gesunken war: Der kulturellen Szene Londons tat dies jedoch keinen Abbruch. Weiterlesen

Jan Böttcher: Y

Die improvisierte Welt.

Jan Böttcher beschreibt die Entwurzelung von Menschen.

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von Torsten Ehlers

Was der Mensch braucht, um geerdet zu werden, sind andere Menschen, die ihn immer wieder auf den „Boden der Tatsachen“ zurückholen. Dazu bedarf es der sogenannten Wurzeln. Back to the roots ist ja mittlerweile ein geflügelter Begriff geworden und wird inflationär gebraucht. Fast jeder Mensch, der meint in einer Sinnkrise zu sein, besinnt sich auf seine Herkunft. In seinem Roman Y begibt sich Jan Böttcher auf die Suche nach den Wurzeln eines Menschen, ja eigentlich einer ganzen Familie. Weiterlesen

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

Traurig schön

Benedict Wells malt mit Worten ein Bild der Einsamkeit

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von Torsten Ehlers

Eigentlich beeinflussen uns Klappentexte sehr stark in unserer Entscheidung, ob wir ein Buch lesen wollen oder nicht. Gefällt einem zunächst die optische Gestaltung, nimmt man meist auch die Bürde auf sich und liest den Klappentext. Im Fall von Benedict Wells neuen Roman Vom Ende der Einsamkeit kann es aber passieren, dass man einen wundervollen Roman verpasst. Weiterlesen

Georges Perec: Ein Mann der schläft

Das Innere des Kopfkissens

Georges Perecs Ein Mann der schläft ist die beeindruckende Nahaufnahme eines Menschen, der beschlossen hat, nicht mehr am Leben teilzunehmen.

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von Stephan Lesker

Der Held in Georges Perecs Geschichte ist unscheinbar. Ein Mann von 25 Jahren, Soziologiestudent, kurz vor einer wichtigen Prüfung. Aber der Tag, an dem die Geschichte einsetzt, ist der wahrscheinlich bedeutendste Tag in seinem Leben: Es ist der Tag, an dem er beschließt, keinen Anteil mehr am Leben zu nehmen. Weiterlesen

Eberhard Rathgeb: Das Paradiesghetto

Schauplatz Menschenkopf

Der bedrückende Roman Das Paradiesghetto von Eberhard Rathgeb

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von Stefan Tuczek

Eliza will nicht mit dem Glück leben, das Unglück ist ihr einziger Lebensinhalt. Ihre Eltern zogen mit ihr vor dem Krieg nach Argentinien, wo sie aufwuchs und große Träume hatte. Doch aus Liebe zu ihrem Mann kehrte sie nach dem Krieg nach Deutschland zurück, jenes Land, das für die Vernichtung der Juden verantwortlich ist. Dort, unter Mördern und Menschen, die ihre Vergangenheit verleugnen, um glücklich zu sein, muss sie fortan leben. Die erträumte Selbstverwirklichung bleibt aus. Weiterlesen

Jérôme Ferrari: Das Prinzip

Was es kosten kann, Gott über die Schulter zu schauen.
Das Prinzip

von Paulchen

„Sie haben Gott über die Schulter geschaut“

In einer Juninacht des Jahres 1925 gelingt es dem jungen Atomphysiker Werner Heisenberg in der Abgeschiedenheit der Insel Helgoland, Gott über die Schulter zu schauen. In dieser Nacht schreibt er wesentliche Teile seiner Quantenmechanik nieder, deren Kernstück die nach ihm benannte Heisenbergsche Unschärferelation darstellt. Ihr zufolge ist es prinzipiell nicht möglich, gleichzeitig die Position und die Geschwindigkeit eines Elementarteilchens beliebig genau zu bestimmen. Weiterlesen