Philipp Schwenke: Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste

Ist das wirklich passiert?

Philipp Schwenke entführt uns in den Kopf Karl Mays.

Schwenke Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste

von Torsten Ehlers

Karl May übt eine Faszination auf mich aus, die ich mir nur schwer erklären kann. Ich kenne kaum ein Buch von ihm. Lediglich den Schatz im Silbersee habe ich gelesen, bin aber mit Pierre Brice als Winnetou aufgewachsen. Möglicherweise kommt es daher? Vielleicht interessiere ich mich aber auch eher für die Person, die sich als Abenteurer inszeniert hat, ohne jemals sein Arbeitszimmer zu verlassen. Karl May hatte eine überbordende Phantasie und seine Rechtfertigungsschrift, die mittlerweile unter dem Titel Ich erschienen ist, fand ich sehr ansprechend. Aber auch die Briefwechsel mit seinen Verlegern sind spannender als manche Romane, die erschienen sind. Joseph Kürschner zum Beispiel hat sich viel von May gefallen lassen müssen, aber die Verkaufszahlen gaben ihm Recht. Dies alles funktionierte sehr gut, sowohl für Verleger als auch Autor, bis der Verdacht sich erhärtete, dass May niemals wirklich diese Reisen unternommen haben kann. Dies zu widerlegen, macht er sich im hohen Alter auf, um den Orient zu bereisen.

Hier setzt Philipp Schwenke, ein offensichtlicher Kenner des Werkes von Karl May, mit seinem Roman Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste an und erzählt, was sich auf dieser Reise zugetragen haben könnte. Der Konjunktiv ist hier bewusst gewählt, aber dazu später mehr.  Im Jahr 1899 macht sich May auf den Weg in den Orient. Bis nach Italien sind noch die Freunde (die Plöhns) sowie seine Frau Emma dabei. May wird dann aber erst einmal alleine weiterreisen. Zum einen sucht er „neue“ Abenteuer, zum anderen möchte er mit Postkarten, die er aus der Ferne schreibt, dem Vorwurf begegnen, dass er nie gereist wäre. Doch Beides gelingt ihm eher nicht. Auf seiner Reise begegnet er immer wieder Menschen, die ihn in Frage stellen oder die ihm so sehr glauben wollen, dass er wirklich Kara Ben Nemsi oder Old Shatterhand ist, dass sie ihn in Abenteuer verwickeln wollen, die der Abenteurer eigentlich locker bewältigen kann. Doch hier offenbart sich dann der echte Karl May. Körperlich und auch psychisch gerät er an seine Grenzen und spätestens als er in Ceylon gefangen genommen wird, ist klar, dass alles auf dieser Reise Erlebte nicht ganz der Realität entsprach. Wollte Karl May sich etwa selbst etwas beweisen und hat so den Bogen seiner Phantasie überspannt und Realität und Vorstellung überlagerten sich?

May der Phantast

„Sie sind mir ja ein Phantast, Herr May“, so könnte das Zitat von von Hoven, ein Begleiter Mays, lauten, der ihn bei seiner Festnahme in Britisch Ceylon begleitet und der dem armen Karl doch eingeredet hat, dass er hier eine Menschenschmugglerbande überführen würde. Doch dies ist nie der Fall gewesen. Offensichtlich hat ihm dieser Mensch einen Streich gespielt, gar eine Falle gestellt, um ihn der Lüge zu überführen. Wie konnte er nur so blind sein und diesem Menschen vertrauen? Jetzt wird der Journalist Scharffenstein, der May auf Schritt und Tritt auf dieser Reise verfolgt, nicht mehr davon zu überzeugen sein, dass er wirklich der weltgewandte Abenteurer ist. Obwohl es da noch die Chance gibt, diese Goldmine zu finden, von der ihm zugetragen wurde, dass es sie mitten im Dschungel geben würde. Wenn er die findet, könnte er wieder richtig gut beleumundet sein, all die Vorwürfe wären dahin. Doch auch bei diesem Abenteuer wird erneut und wie immer im Orient von Hoven dabei sein. Mit ihm ist es doch schon einmal schief gegangen. Aber es müsse doch mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht auch mal Glück haben sollte. Also macht sich Karl wieder auf den Weg: und er hat „Glück“. Er findet die Goldmine, damit überzeugt er Scharffenstein, der nun sein treuester Anhänger und Fürsprecher wird. Aber was hat May da wirklich gefunden? Ist es Gold? Zumindest Scharffenstein muss Goldproben bekommen haben. Nach der Reise fragt Richard Plöhn seinen Freund May, was er da für Bodenproben verschickt habe. Es war normaler Quarz und auch Sand, den es auch in Sachsen gibt. Diese beiden Beispiele für die Abenteuer, die Karl May erlebt hat, sollen hier mal als Beispiel dienen, wie Schwenkes Buch funktioniert. Als Leser befinden wir uns zu ¾ des Werkes im Kopf von Karl May. Die erlebten Ereignisse sind genauso aufgebaut, wie es wohl ein May-Roman in seinen besten Zeiten wäre, aber wo und wann wir in der Wirklichkeit landen, dies enthält uns der Erzähler bis zum Schluss vor. Ein Mittel, durch dass man das Gefühl bekommt, Karl May erzähle seine Abenteuer selbst, sind die ständigen und gelungenen Passagen, in denen May in Gedanken wie ein Autor erzählt und sich selbst immer wieder sagt: „Das hast du doch schon alles beschrieben, also hast du es erlebt und demnach kannst du es.“ Er empfindet es so, dass er alles Geschriebene, sämtliche Abenteuer von Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, zwar erdacht hat, aber es so anschaulich geschrieben hat, dass er es ja dann auch erlebt haben muss.

Philipp Schwenke legt hier einen wunderbaren Roman vor. Er führt uns in die schwankende Welt der Realitäten des Autors  Karl May, dessen überbordende Phantasie sein Glück und seine Nemesis zugleich waren. Realistisch gesehen, konnte May nie die Zeit haben alles Erzählte zu erleben. Dies hätte schlichtweg seine Lebenszeit überstiegen. Aber dies ist auch nicht die neue Erkenntnis dieses Romans. Vielmehr ist neu, dass hier einer einen Menschen darstellt, der sich hinter den Lügengeschichten eines Münchhausens nicht verstecken muss. Aber auch Münchhausens Geschichten liest man gern. Nicht, weil sie wahr wären, sondern weil sie faszinieren können. Philipp Schwenke legt hier als May-Kenner einfach einen tollen Roman vor, der aus May vor allem eins macht: Einen Menschen, der eine Begabung hat, und mit dieser kann er Geld verdienen, indem er all die tollen Abenteuer, die er bei der Lektüre von Reiseführern in seinem Kopf erdenkt niederschreibt. Am Ende kann sich May nur eins vorwerfen, dass er seine Phantasie für die Realität verkaufen wollte und nie reinen Tisch gemacht hat. Aber unter uns, klingt die Wahrheit wirklich immer so toll, wie es ein Karl-May-Roman offensichtlich kann? Erzählen Sie Geschichten, wie sie wirklich gewesen sind oder ist es nicht auch so, dass man hier und da etwas dazu dichtet oder auch weglässt, um es spannender zu gestalten? Bevor wir über den armen Karl May richten, sollten wir uns vielleicht erst einmal diese Fragen beantworten und natürlich Philipp Schwenkes Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste lesen. Es lohnt sich.

Philipp Schwenke: Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste. Kiepenheuer und Witsch Verlag. Köln 2018. 608 Seiten. 23,00 €.

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