Frank Belknap Long: Mein Freund H. P. Lovecraft

Der Träumer von der anderen Seite.

Festa bringt die längst überfällige deutsche Übersetzung von Frank Belknap Longs Mein Freund H. P. Lovecraft heraus.

Lovecraft_Cover

von Stefan Tuczek

Wer kennt nicht den schaurigen Cthulhu-Mythos von H. P. Lovecraft? Der Dämonensultan Azathoth, Cthulhu oder auch Shub-Niggurath sind einige der Großen Alten, die sich in unsere Welt schleichen, um Neid, Missgunst, Angst und vor allem Wahnsinn in die Träume der Menschen zu pflanzen, damit sie das Menschengeschlecht degenerieren können, um so unsere Welt zu versklaven. Was als einfache Erzählung des Makabren von Lovecraft in kleinen Pulp-Magazinen anfing, wuchs schnell zu einem weltbekannten Mythos heran, an dessen Ausarbeitung Autoren wie August Derleth, Clark Ashton Smith und Frank Belknap Long maßgeblich beteiligt waren. Der Cthulhu-Mythos ist mittlerweile weit über die einfachen Grenzen der Fankultur hinaus bekannt, was auch daran liegen mag, dass Cthulhu eine eigenständige Marke geworden ist: Brett-, Rollen- und Computerspiele, sowie zahlreiche Verfilmungen sorgen für die weltweite Bekanntheit von Lovecraft und Cthulhu.

Wie mag aber jener Autor gewesen sein, der sich die beängstigenden Mythen rund um die Großen Alten ausgedacht hat? Lovecraft – so einige der gängigen Vorstellungen – war ein Menschenfeind, der zurückgezogen in Providence in einem großen alten Herrenhaus lebte und sich dort okkulten Theorien und schwarzen Messen hingab. Als Misanthrop soll er von Natur aus mit den geheimen Kräften zusammengewirkt und in dunklen Visionen den Mythos der Großen Alten empfangen haben. Dass diese Vorstellungen nichts mit dem realen Menschen Howard Phillips Lovecraft (1890 bis 1937) zu tun haben, versteht sich von selbst, aber sie mögen auf ewig mit der biographischen Legende verwoben bleiben. Aber wie war nun der reale Lovecraft? Einen Einblick in das Leben und Wirken von HPL verschafft dem wissbegierigen Leser das Buch „Mein Freund H. P. Lovecraft“ von Frank Belknap Long.

Frank Belknap Long (1901 bis 1994) war selber Autor von Horror-, Science-Fiction- und Fantasyliteratur sowie von Gedichten und Comics (er schrieb Skripte für die Superhelden Superman, Green Lantern und Captain Marvel). Seine Geschichten, die er in den selben Pulp-Heftchen veröffentlichte wie Lovecraft, verschafften ihm die Aufmerksamkeit von HPL, der vor allem die jüngere (Laien-)Schriftstellergeneration zu fördern versuchte, indem er sich als Mentor und Kritiker anbot. Aus dieser Beziehung erwuchs eine tiefe Freundschaft. Seine persönlichen Erinnerungen an seinen Freund und Mentor HPL erschien schon 1975, aber erst im Jahre 2016 erschien dieses persönliche Porträt von HPL auch auf Deutsch. Wer nun eine ausführliche Biographie erwartet, wird enttäuscht werden: Bei Mein Freund H. P. Lovecraft handelt es sich vielmehr um eine Sammlung von Anekdoten und Erinnerungsbruchstücken, die vor allem dazu dienen soll, die bestehende biographische Legende um HPL zu dekonstruieren. Long erzählt vorrangig von der Zeit des persönlichen Kontakts mit ihm, d.h. im Fokus steht die Zeit als Lovecraft in New York lebte und dort versuchte eine Existenz aufzubauen. Hier vermag Long interessante Einsichten zu geben: Lovecraft versuchte zwar eine normale Arbeit zu finden, aber dies schaffte er nie. So machte er sich als Ghostwriter und Lektor für andere Autoren verdient, und sogar für Houdini schrieb er als Ghostwriter eine Geschichte. Geld war immer ein strittiges Thema und auch wegen des fehlenden Geldes soll HPLs Ehe zerbrochen sein und nicht, wie die langlebigen Mythen behaupten, wegen sexueller Verweigerung oder unnatürlicher Praktiken. Long rückt mit seiner Darstellung so einige Vorstellungen zurecht: Lovecraft verstand sich in erster Linie als englischer Gentleman, der die alten Traditionen und Lebensweisen schätzte und praktizierte. Und als eben dieser war es für ihn normal, auffällige Kleidung abzulehnen oder eine introvertierte Art an den Tag zu legen. Vielmehr benahm und fühlte sich HPL immer dreißig Jahre älter, als er es in Wirklichkeit war. Dennoch konnte er bei den Treffen mit seinen Dichterkollegen die ganze Aufmerksamkeit auf sich lenken und die Leute mit seinen Erzählungen fesseln. Dies mag paradox sein, aber HPL lebte diese Widersprüchlichkeit und zog daraus auch seine Späße, die er mit seinen Freunden trieb: Obwohl er Rationalist war, behauptete er zuweilen, dass eine böse Existenz der Pharaonen seine Hand hat anschwellen lassen, weil er im Museum nicht dazu auserkoren sei, sich eine Ausstellung anzusehen. Tatsächlich konnte HPL auch humorvoll sein. Aber Moment mal?! Lovecraft war Rationalist?! Wenn man Long glauben darf, so lehnte HPL jede Form von Magiegläubigkeit und Okkultismus ab, vielmehr war Lovecraft ein Vertreter der Wissenschaften und war immer auf dem aktuellsten Stand der Forschung. Dies mag gar nicht zu der Vorstellung über den Mann, der den Cthulhu-Mythos erschuf, passen. Aber HPLs Geschichten sind für ihn mehr eine Ästhetik gewesen, d.h. er versuchte Bilder, die er träumte, so bizarr und flüchtig sie auch sein mochten, auf das Papier zu bannen und somit eine Stimmung zu erzeugen, die besonders ist. Die Ästhetik des Makabren und Bizarren war also keine Lebenseinstellung, sondern eine künstlerische Frage. Er wollte die dunklen Traumseiten erforschen und ebenso schildern, dass sich diese Stimmung, die man zuweilen nach schlechten Träumen spürt, auch auf die Leser überträgt.

Es muss noch einmal hervorgehoben werden, dass es sich hier um Longs persönliche Einschätzungen handelt. Stellenweise hat man das Gefühl, dass Long HPL stark idealisiert. Trotz der geschilderten Marotten von HPL findet sich kein böses Wort von Long. Dies mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass er sich stark über Lovecraft identifiziert: Nie wird er müde, den Umstand zu erwähnen, dass er seine schriftstellerischen Leistungen HPL zu verdanken hat und er es war, der ihn stark beeinflusst hat. Immerhin war Long der erste Autor, der den Cthulhu-Mythos in sein Werk eingebaut hat. Für ihn ist und bleibt HPL eben HPL. Und so schildert Long seinen Lovecraft: als kultivierten Gentleman, der nicht die Gesellschaft mied, und erstaunlich weltgewandt war. Dies mag seinen Blick doch etwas verstellen und einige Behauptungen, wie die Gründe, die zum Ende der Ehe von HPL führten, bleiben recht spekulativ, aber der Verdienst von Longs Buch ist in erster Linie die Einschätzung von Lovecrafts Ästhetik-Verständnis und die Bestimmung seines Ranges im Literaturbetrieb. Dennoch stören einige Dinge an Longs Bericht: Da es sich um Anekdoten und Erinnerungen handelt und um keine Biographie, hat der vorliegende Bericht auch keine Chronologie und weist keinen stringenten roten Faden auf. Locker hält er sich an HPLs Aufenthalt in New York, aber immer wieder springt er vorwärts und rückwärts in der Zeit. Zuweilen streut Long auch Namen in seinen Text, die, wenn man sich noch nie mit Lovecraft oder mit der Literatur des Makabren beschäftigt hat, für den Leser problematisch sein können. Dies ist für jemanden, der sich in der Biographie von HPL auskennt, aber kein Problem. Und so müssen wir auch Longs Bericht verstehen: Als persönliche Ergänzung zu anderen Lovecraft-Biographien, denn zu viel Wissen um Lovecraft und seine Umgebung setzt Long voraus, als dass man als Lovecraft-Laie sofort alles verstehen könnte. Dies ist aber ein deutsches Problem, denn auf dem deutschen Buchmarkt gibt es keine gängigen Lovecraft-Biographien. Wenn es welche geben würde, so könnte man Longs Buch um einiges besser bzw. in seiner ganzen Tragweite vollständig verstehen und genießen. Auch bedauerlich ist es, dass Long immer wieder auf Briefwechsel und andere Erinnerungsbücher verweist, (und damit gerne spannende Absätze und Themen beendet und auf diese Publikationen hinweist,) die im Arkham-House-Verlag erschienen sind, die es aber bis jetzt nicht in deutscher Übersetzung gibt. Damit sind Longs Verweise in Deutschland hinfällig und einiges an Verständnis, vor allem im Bereich der vielen Briefe, die Long immer wieder nur andeutet, geht verloren. Dies kann aber weder Long noch dem Festa-Verlag negativ angelastet werden, da es diese Bände noch nicht auf Deutsch gibt – als zukünftiges Projekt seien sie aber dem Festa-Verlag anempfohlen: Nicht nur das Long-Buch würde damit aufgewertet werden, gleichzeitig würde man auch die (auto)biographische Lücke zu Lovecraft schließen und den Literaturmarkt rund um HPL sinnvoll erweitern. Was aber sehr unschön ist, ist eine Inkonsequenz in der Übersetzung: Das Buch liegt in deutscher Übersetzung vor, aber die darin enthaltenen Titel von Lovecraft sind alle englisch. Warum hat der Übersetzer Michael Siefener die Lovecraft Titel englisch gelassen und nicht mit den gängigen deutschen Titelbezeichnungen übersetzt? Auch fehlt ein Nachwort zu Longs Buch, in dem einmal kurz erklärt wird, wer denn Long ist und was das Besondere an seiner Freundschaft mit Lovecraft gewesen ist. Denn in Deutschland sind Longs Geschichten nicht so weit verbreitet, als dass jeder Lovecraft-Leser auch automatisch Long kennen müsste. Zwar gibt es einen Erzählungsband von Long im Festa-Verlag, dieser dürfte aber nicht unbedingt zur Steigerung des Bekanntheitsgrads in Deutschland beitragen.

Alles in allem ist „Mein Freund H. P. Lovecraft“ ein lesenswertes Buch, dass die Legende um HPL dekonstruiert und sich bemüht, Lovecraft als Menschen zu zeigen. Allerdings mangelt es Longs Buch an Kontextualisierung, was dem Umstand geschuldet ist, dass es keine anderen Lovecraft-Biographien und Briefwechsel auf Deutsch gibt.

Long, Frank Belknap: Mein Freund H. P. Lovecraft. Festa. Leipzig 2016. 272 Seiten. 36,80 €.

Bildquelle: Festa-Verlag.

 

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