Isabella Breier: DesertLotusNest

Drei Frauen und ein Philosoph

Isabella Breiers DesertLotusNest weckt ein Bewusstsein für die Absurditäten im Leben.

breier_desertlotusnest

von Stephan Lesker

Das Jahr 2021 wird etwas Großes bringen. Isabella Breier wird dann einen Sammelband herausgeben, der uns endlich das Werk des großen Philosophen Antoine Bachsirad erschließen wird. Größen der Bachsirad-Forschung kommen zu Wort und werden die Poetik des Phönix, das Alterswerk des Universalgelehrten, deuten. Allen voran Esther Wenger-Cordialis, Zahra Klaric und Leonore Berger.
Wenn Sie nicht wissen, wer Antoine Bachsirad ist, sollten Sie das schnellstens ändern. Er gilt als „Meister der textuellen Störfaktoren“ und ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der philosophischen Anthropologie sowie in Sachen des kollektiven, kulturellen und kommunikativen Gedächtnisses. Als Ende der 1970er Jahre sein Opus Magnum, die Analyse von Homers Odyssee, erschien, berichtete sogar die Bild darüber, die ja sonst eher nicht für intellektuell Hochwertiges zu haben ist. Auch durch ein episches Langgedicht mit dem Titel DesertLotusNest hat er sich einen Namen gemacht. Nicht ganz zufällig trägt eine Kursmaßnahme für Arbeitslose, die von der österreichischen Arbeitsagentur und dem privaten Bildungsträger Benu-Up in der spanischen Wüste ausgerichtet wird, ebenfalls diesen Namen.

Soweit die Fiktion. Einen Philosophen namens Bachsirad hat es nie gegeben, was nicht bedeutet, dass sich hinter der Figur nicht auch mehrere bekannte Denker verbergen könnten. Ich persönlich hoffe allerdings, dass Isabella Breier trotzdem einen Sammelband zu ihm herausgeben wird, denn ihr Roman über Bachsirad, drei Frauen, die sich alle mehr oder weniger mit ihm beschäftigen, und über die Absurdität bestimmter Angebote in der Erwachsenenbildung ist schlichtweg genial.

Prinzip I: Drei Frauen und ihr gemeinsames Zentrum

Der Roman der österreichischen Autorin ist eine Mischung aus Wissenschaftssatire, philosophischer Erzählung und Reiseabenteuer.
Esther Wenger-Cordialis ist große Bachsirad-Verehrerin und verdient ihr Geld, indem sie für andere Leute akademische Abschlussarbeiten schreibt. Als eines Tages das Angebot, für jemanden eine Dissertation über ihren Lieblingsphilosophen zu schreiben, ins Haus flattert, ist sie Feuer und Flamme. Ihre Recherche führt sie in die spanische Wüste, wo es ein Bachsirad-Forschungszentrum gibt. Dort trifft sie auf einen scheinbar verstörten Mann, der etwas von „Arbeitslosen“ und „Fortbildung“ faselt und sie schließlich in das besagte Kurszentrum führt, das sie allein schon dadurch begeistert, dass es den Namen des berühmten Bachsirad-Gedichtes trägt.
Leonore Berger ist Kursleiterin bei Benu-Up, dem Schirmherrn des DesertLotusNest. Sie wird aber entlassen, da sie mit bestimmten Vorgesetzten nicht zurechtkommt und die Absurdität des Kurszentrums sofort erkennt. Fortan schreibt sie Texte darüber.
Zahra Klaric verdient ihr Geld mit dem Schreiben von Blogeinträgen. Sie bewirbt sich auf eine Stelle im Bachsirad-Forschungszentrum und wird – sie weiß selbst nicht recht, warum – prompt eingestellt.
Die drei Hauptfiguren des Romans sind also alle irgendwie mit Antoine Bachsirad verbunden. Er bildet das Zentrum des Textes und den Lebensmittelpunkt der drei. Dieses Prinzip verfolgte Breier auch schon in ihren vorangegangen Büchern, und sollte es einst einen Sammelband über ihr Werk geben, wird man diesen Sachverhalt analysieren müssen. In Prokne & Co sind es Priska und Philina, deren Zentrum die Intrige von Priskas Ehemann Timo ist. In Allerseelenauftrieb sind es Melike, Milena und Maja, deren Existenz um die Tragödie im Leben ihrer Freundin Mavie kreist.

Prinzip II: Das Ringen mit Texten

Neben dieser für Isabella Breier typischen Konstellation gibt es aber noch ein zweites Formprinzip des Romans, das man als „Text im Text“ bezeichnen könnte. Zahras Blogeinträge, Esthers Ghostwriting, Leonores Texte über das DesertLotusNest und nicht zuletzt die Beiträge des eingangs erwähnten Sammelbandes werden immer wieder in die Erzählung eingeschaltet. Die Figuren kämpfen dabei erbittert mit ihren Texten, sind unzufrieden damit und korrigieren, wo sie können. Besonders Zahra, die Leonores Texte lesen oder hören darf, erweist sich dabei als unbestechliche, mitunter hundsgemeine Korrektorin. Der Roman ist auch ein Buch über dieses Ringen mit den eigenen Texten, das die drei Frauen, ihr Zentrum Bachsirad und die Autorin selbst gleichermaßen auszeichnet. Kein Satz in diesem Buch versteht sich von selbst. Jeder ist des Nachdenkens wert, so befremdlich er u. a. durch das oftmalige Weglassen des Hilfsverbs auch erscheinen mag. Die unverwechselbare Sprache des Romans verweist dabei auch auf ihren Werkzeugcharakter. Nur sie ist es, die den Lebensunterhalt der drei Frauen garantiert. Sie ist es, die Bachsirads Werk so anziehend machte und sie ist das Mittel, mit dem eine Einrichtung wie das DesertLotusNest scheinbar gerechtfertigt werden kann. Neben Bachsirad bilden die Sprache und der Kampf mit ihr eine Art zweites Zentrum des Textes

Die Absurdität des Alltags

Breiers Roman ist philosophisch aufgeladen, es steckt eine Poetik dahinter. Darüber hinaus macht er auch noch Spaß, indem er den Blick auf die Absurditäten lenkt, die uns alltäglich begegnen. Es mag übertrieben klingen, wenn Kurse für österreichische Arbeitslose in der spanischen Wüste abgehalten werden. Wenn diese Kurse dann aus Kameltrekking und Survivaltraining bestehen, ist die Übertreibung perfekt. Wenn dann allerdings diese Bildungsangebote auch noch vom privaten Fernsehsender des Bachsirad-Zentums übertragen werden, es sich also um eine Art Dschungelcamp für Erwerbslose handelt, dann mag es so scheinen, als habe die Autorin das Maß des Erträglichen überschritten. Wer allerdings in den fragwürdigen Genuss gekommen ist, einen echten Fortbildungskurs für Arbeitslose mitzumachen, der wird finden, das in dieser Übertreibung mehr als nur ein Körnchen Wahrheit steckt: Da sitzt (und dieses Beispiel entspringt keinesfalls meiner Phantasie) ein studierter Informatiker in einem Grundlagenkurs zur Bedienung von Computern. Wohlgemerkt als Teilnehmer, nicht als Kursleiter. Das ist für sein berufliches Fortkommen ungefähr so sinnvoll wie Kameltrekking.
Phasenweise ist das Buch schlicht brillant. Die Schilderung der Fusionssitzung der beiden Bildungsträger Benu und Up muss sich hinter ähnlich satirischen Szenen aus der Weltliteratur, in denen bestimmte Gremien auf die Schippe genommen werden, nicht verstecken. Die Persönlichkeiten sind in einer Weise dargestellt, die ich maßvoll-überzeichnet nennen würde. Die Szene erinnert ein wenig an die grandios beschriebene Sitzung einer Literaturjury aus Walter Kempowskis Hundstage. Die Hauptfigur Alexander Sowtschick schlägt hier, angeödet vom Palaver der anderen Juroren, ein Buch zur Auszeichnung vor, weil es schöne Schrifttypen aufweise. („Offensichtlich Handsatz.“) Solche ähnlich sinnvollen Wortmeldungen geistern auch durch die Benu-Up-Sitzung. Der satirische und entlarvende Blick Breiers erinnert auch ein wenig an Rohrdommels Verhör aus Friedrich Gottlieb Klopstocks Gelehrtenrepublik. Neben Klopstock und Kempowski, die beim Lesen nur punktuell in das Bewusstsein rücken, erinnert die gesamte Komposition und Anlage des Romans an die megalomanen Bücher von David Foster Wallace. Dies soll als persönliche Assoziation genügen. Sie gibt vielleicht einen ungefähren Eindruck davon, was in Isabella Breiers Roman zu erwarten ist.

Fazit

Im Grunde begegnen uns in diesem Buch nur Verrückte: Esther ist geradezu besessen von Bachsirad, die Entscheidungsträger von Benu-Up sind schlicht irrsinnig, wenn sie ihre Kurse für eine gute Idee halten, und auch in Bachsirad scheinen Genie und Wahnsinn nah beieinander zu liegen. Aber genau daraus entspringt die Faszination des Romans. Die Verrückten, so stellt Zahra einmal fest, haben sich wenigstens einen Rest Individualität bewahrt. Am verrücktesten ist aber wohl Ludwig Manok: Ihm ist die Idee zum DesertLotusNest zu verdanken. Ursprünglich hatte er es als Rückzugsort konzipiert, als „Eutopie“, wo jeder seinem Recht auf Faulheit nachgehen kann. Dieser Einfall ist natürlich idealistisch, ja beinahe anrührend. In einer Zeit, in der jede Sekunde, die man nicht in der Informationsflut der modernen Medien und im Leistungsdruck der Gesellschaft verbringt, verloren scheint, wirkt dieser Gedanke wie ein Relikt aus einer anderen – vielleicht besseren – Welt. Leider hat das bei Benu-Up keiner verstanden.

Isabella Breier: DesertLotusNest. Anmerkungen zur Poetik des Phönix, hg. von Richard Pils. Weitra: Bibliothek der Provinz 2017. 530 Seiten. 24,00 €.

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